Startseite
Aktuelle Vorhaben
Galerie Australien+Neuseeland
Hobbys
Bildergalerie Japan 2009
Reiseberichte
Wandern
Wandergeschichten
Diashow Camino Santiago
Veröffentlichungen/Autor
Gesundheitsempfehlungen
Philosophie
Textanalyse/Arbeitstechnik
Politik/politische Bildung
Unterrichtsprojekt Auto
Bildungspolitik/Kommentare
Rezensionen: Musik/Bücher
Gästebuch



Uwe Karstädt: Diabetes 2 für immer besiegen - ein Ratgeber
Rottenbug 2016 (Kopp Verlag)
Rezension vom 17.05.2017

Nach Rainer Limpinsels Aufmerksamkeit erheischendem Werk „Diabetes heilen in nur 28 Tagen“ nun dies ebenfalls Heil versprechende Buch „Diabetes 2 für immer besiegen“ von Uwe Karstädt, dem namhaften Heilpraktiker und Medizin-Bestseller-Autor, der bislang als großer Aufklärer über die Krankheiten unserer Zeit, ihre Ursachen und Heilungschancen bekannt ist und in diesem Zusammenhang auch die fragwürdigen Praktiken der Pharma- und Lebensmittelindustrie sowie eine gewisse Mittäterschaft vieler Ärzte anprangert. Das tut er gleichfalls in der vorliegenden Veröffentlichung, indem er über den Diabetes als sich rasend zur Volksseuche ausbreitende Stoffwechselstörung berichtet und darüber einschlägig informiert, wie es dazu im Rahmen unserer modernen Lebensumstände kommt und was wir dagegen wirksam unternehmen können und sollen.

So erhalten wir wichtige Kenntnisse und Erkenntnisse über krankmachende und gesunde Ernährung sowie praktische Hinweise zur Mangelbeseitigung und Strategien zum artgerechten Leben. Beispielsweise geht es um die Schlüsselrolle des Insulins und die richtige Vitamin- und Mineralien-Versorgung für einen guten, florierenden, vitalen Stoffwechsel sowie das gefährdende Pendant von Gefäßerkrankungen, Entzündungen durch Bauchfett, Leber-Galle-Stau, Sickerdarm-Probleme, Autoimmunkrankheiten, Krebsförderung und anderen Schädigungen in Verbindung mit Diabetes. Die lebensnahe, pragmatische Aufklärung zur Überwindung von Übergewicht, Infarkt, Schlaganfall, Osteoporose oder Depression kann sich als wertvoll und Gesundheits fördernd für fast jeden erweisen, macht das Werk für ein breites Publikum lesenswert, wie das schon im Wesentlichen für Karstädts Bestseller  „Die 7 Revolutionen der Medizin“, „Das Dreieck des Lebens“, „Entgiften statt vergiften“ oder „Die Säure des Lebens“ gilt.   

Was allerdings mit Vorsicht zu nehmen ist und worüber man sich keine Illusion machen sollte, weshalb man aber vor allem dieses Buch wird kaufen wollen, dürfte die Suggestion und Heilsbotschaft sein, die der Buchtitel ausstrahlt und die im Klappentext noch verstärkt werden: der „mühelos und dauerhaft möglich gewordene Sieg über Diabetes 2“ sowie der „einfache Ausstieg aus der Medikamentenabhängigkeit“. Deshalb dürften sich die Interessierten erwartungsvoll auf das Kapitel 20 „Diabetes ist auch ohne Arzneien heilbar“ stürzen und werden enttäuscht sein, wie wenig es hier leider zur Sache geht und womit sie allein gelassen werden.

Karstädt vertritt die These, dass „radikales Fasten und die konsequente Reduktion von Kohlenhydraten“ in Kombination mit den richtigen Nahrungsergänzungen die Verfettung der Leber und Bauchspeicheldrüse verringern oder vollständig zurücknehmen, wodurch sich Diabetes 2 bekämpfen lasse. Als scheinbaren Beweis führt er eine 2011 veröffentlichte Studie von Prof. Taylor aus Newcastle mit einer „Low-Carb-Diät“ an, wonach 11 von 14 Diabetikern (ohne diese näher zu differenzieren) nach 8 Wochen bei täglich 510 Kilokalorien Nahrungsaufnahme durchschnittlich 15 kg abnahmen und sich ihre Nüchtern- und Langzeit-Blutzuckerwerte sowie die Insulinempfindlichkeit und -wirksamkeit der Beta-Zellen normalisiert hatten, während in Kernspin-Untersuchungen eine entsprechende Entfettung von Pankreas und Leber aufgezeigt wurden. Wie Karstädt selbst sagt, sind diese Erkenntnisse nicht neu; er berichtet von erfolgreichen Haferdiätkuren Anfang des 19. Jh. und ich selbst habe in den 1980er Jahren im Anfangsstadium meines Diabetes mit einer „Schnitzer-Diätkur“ ähnliche Erfahrungen gesammelt.

Das funktioniert offensichtlich, soweit der Diabetes durch Fehlernährung und Bewegungsmangel verursacht sowie durch eine Nahrungsanpassung einstellbar und nicht verfestigt oder gar durch Vererbung bedingt ist. Aber solch eine „Rosskur“, wie sie Karstädt nennt, hält keiner auf Dauer aus. Limpinsel gibt immerhin zu – und widerlegt damit sein kurzfristiges Diabetes-Heilungsversprechen, dass man die rigorose Lebensumstellung ständig beibehalten muss. Karstädt empfiehlt Diäten mit Eiweißdrinks und die Eiweißmahlzeiten mit frischen Rohkostzutaten (Green Smoothies) zu ergänzen. Vor allem legt er die Nahrungsergänzung mit Kohlenhydrat- und Appetitblockern, besonders einem neuen pflanzlichen Präparat namens „Diabetasol“ (LL-Produkte Salzburg) nahe. Da er dazu (noch) keine Erfolgsmeldungen seiner Patienten abgibt, müssten experimentierfreudige Diabetiker/-innen dieses Mittel vorsichtig erproben und auf eigene Kosten heraus finden, ob oder wieweit sich damit die herkömmlichen Diabetesmedikamente je nach ihrer individuellen Lage tatsächlich ersetzen lassen.


Holm Tetens: Gott denken
Ein Versuch über rationale Theologie

Stuttgart 2015 (Reclam UB 19295)
Rezension vom 17.10.2016

Holm Tetens
, Philosophie-Professor an der Freien Universität Berlin, unternimmt entgegen dem Trend moderner Philosophie zur naturalistischen Metaphysik den Versuch, Gott rational zu denken, indem er einen kritischen Vergleich von Naturalismus und Theismus bzw. theistischer Ideologie auf der logisch-begrifflichen Argumenationsebene durchführt, um dem verbreiteten materialistischen Denken in heutiger Zeit sozusagen auf Augenhöhe zu begegnen.

Die Kernthese des Naturalismus lautet: Die materielle Welt der konkreten Dinge und Ereignisse stellt die einzige und eigentliche Wirklichkeit dar, wie sie von den Erfahrungs- und besonders Naturwissenschaften treffend beschrieben wird. Danach sind auch wir Menschen nichts Anderes als ein Stück kompliziert organisierter Materie, existieren nur als körperhafte Wesen und funktionieren nach Naturgesetzen. Nach der Emergenz-Theorie, dass aus dem bislang Vorhandenen durchaus unerwartet und unvorhergesehen etwas qualitativ Neuartiges entstehen kann, wird vorausgesetzt, das Mentale emergiere aus dem Physischen, also unser Bewusstsein entspringe der höher entwickelten Materie. Wie dies geschieht, kann zwar wissenschaftlich empirisch heute noch nicht nachgewiesen werden, weil bisher nur eine winzige Probe des Universums in einer zu kurzen Zeitspanne seiner Existenz zur Verfügung steht, aber die ungeheuere Leistungsfähigkeit der kollektiven menschlichen Inelligenz wird das wie jede existenzielle Frage, auch auf welche Weise der Prozess der Kosmogenese ohne Gott als allmächtigen Akteur in Gang gesetzt werden konnte und einst beendet wird, im Laufe der Zeit schlüssig erklären können. Mit dem leiblichen Tod löst sich unser Geist als angenommenes Körpersubstrat einschließlich Selbstwertgefühl total auf; die Seele erweise sich nur als Metapher in einer gottlosen Welt, in der wir neben anderen, unerkannten Welten zufällig leben (vgl. Atkins 2013). Die Erwartung des endgültigen Aus der menschlichen und universalen Existenz ruft fundamentale Angst, Frustration, Resignation, Panik hervor. Die daraus resultierende Aussichtslosigkeit, tief empfundene Ungerechtigkeit und Sinnlosigkeit provozieren rücksichtslosen Egoismus und die Hinwendung zum Bösen; Ausdruck dafür ist die Philosophie des Absurden von Jean Paul Sartre.

Demgegenüber lautet die von Tetens vertretene Kernthese des Theismus: Gott existiert als allmächtiger Schöpfer der Welt in der Qualität eines unendlichen vernünftigen Ich-Subjekts und schafft uns Menschen als endliche geistige Ich-Subjekte. Er will unbedingt unser Heil, indes ist der Fortschritt der Welt mit dem Menschen als Gestalter prinzipiell offen und Gott muss das Böse, Leid und Tod zulassen, damit sich das Gute durchsetzen kann und schließlich durch  Auferstehung der Toten, höchstes Gericht, Vergebung und Versöhnung der Menschen  in einer neuen, besseren Welt Gnade und Gerechtigkeit walten können. Teilhard de Chardin setzt für diese letzte Entwicklungsphase des Kosmos und der Menschheitsgeschichte den Begriff der Christogenese oder „Einmütigung“, nämlich der gottgewollten Einswerdung, christlichen Verbrüderung aller Menschen. Indes können wir in unserer Begrenzheit Gott in seiner Transzendenz nicht direkt erkennen und als Wirklichkeit beweisen, jedoch können wir ihn als ernst zu nehmende Möglichkeit rational denken und mit seiner überragenden Rolle als allmächtiger Schöpfer der Welt und seiner Bedeutung für unser Leben argumentieren. Wir können seine Macht und Fähigkeiten definieren und er kann durch uns in der Erfahrungswelt indirekt gegenwärtig sein. So können wir auf ihn hoffen, ihn in unserer Not anrufen, loben, fürchten, eine Beziehung zu ihm aufbauen, unterhalten, abbrechen, was unsere Haltung und unser Handeln im Leben maßgeblich beeinflussen kann. Der Gottgläubige vertraut auf den gerechten, barmherzigen Gott, der grundsätzlich unser Heil will, er akzeptiert ihn als Richter und Erlöser, selbst wenn er ihn nicht versteht und zum Verzweifeln neigt. Allerdings lässt sich dieser tiefe Gottesglaube nicht durch den Verstand erzwingen, er muss als Gnade oder Geschenk Gottes – wodurch auch immer – jeweils selbst erfahren und verinnerlicht werden. Wem und wievielen dies jemals zuteil wird, bleibt freilich offen.

Beide Denkansätze offenbaren Probleme und Chancen. Hinsichtlich der naturalistischen Kernthese erweist sich als unbefriedigend und höchst unwahrscheinlich, dass die empirischen Wissenschaften irgendwann den Ursprung der Welt aus dem absoluten Nichts schlüssig nachweisen können, da aus einer Voraussetzung logisch nur folgen kann, was sie impliziert. Damit wird gleichfalls die Emergenz des Mentalen aus dem Physischen ad absurdum geführt. So konnte nach Richard David Precht die Hirnforschung bisher nicht ermitteln, wie sich die Hirnströme in Denken verwandeln. Außerdem ist nicht erklärbar, warum es in einer rein materiellen Welt erlebnisfähige und selbstreflexive Ich-Subjekte gibt. Demgegenüber erweist sich die Kernthese des Theismus als argumentative Stärke, insofern die Zielvoraussetzung Gottes als Schöpfer der Welt und der Menschen als geistige Ich-Subjekte theoretisch gewährleistet, dass sich die Kosmogenese in einem unendlichen Prozess und in der Gerichtetheit auf den höchsten (göttlichen) Wert widerspruchsfrei entwickeln kann. Die Überzeugung, dass ein vernünftiger, gerechter, gütiger Gott unser Schicksal letztlich zum Guten wenden wird, schafft Zuversicht für ein sinnvolles Leben, spornt zu christlicher Daseinsbewältigung an und hilft auch, die Unzulänglichkeiten und das Leid in Gegenwart und Diesseits, die allzu oft als Gottesgegenbeweise empfunden werden, eher zu ertragen.

Doch sei Tetens bevorzugter Position entgegen gehalten: Ebenfalls die Anhänger des Naturalismus und die Atheisten müssen nicht verzagen und das Leben in der vorfindlich unvollkommenen Welt verdammen. Da kein Mensch als selbstreflexives Wesen absoluter Nihilist ist, resultiert aus der Konzentration auf das Diesseits ohne göttliche Geborgenheit durchaus die Übernahme hoher Eigenverantwortung, weil es darauf ankommt, aus seinem begrenzten Dasein in dieser Realität selbst das Beste zu machen. Sei es, dass wir durch Fortpflanzung und Vererbung, Familiengründung, Aufzucht von Nachkommen Spuren unseres Menschseins über den leibhaftigen Tod hinaus setzen. Oder sei es, dass wir durch soziale Taten, geistige Werke, geniale Erfindungen Erfüllung finden und Manche gar Großes leisten und fast unsterblichen Ruhm erlangen. Gottgläubigkeit erweist sich nicht als notwendige oder ausschließliche Bedingung zur Verwirklichung der Menschenrechte sowie der Weltverbesserung für ein brüderliches und friedliches Zusammenleben aller Menschen in Einklang mit der Natur, also als optimale Annäherung an die Zielsetzung, die wir als Christogenese postuliert haben. Und die Glaubens hemmende Wiederauferstehungsthese kann gekontert werden, nämlich mit Immanuel Kants nüchterner Feststellung, dass wir berechtigt sind, an die Unsterblichkeit der Seele zu glauben.

Beide metaphysischen Kernthesen sind durch die Argumentation weder bewiesen noch widerlegt, sondern nur als theoretische Möglichkeit begründet, naturalistische und theistische Weltdeutung logisch-begrifflich mit einander zu vergleichen und abzuwägen. Sowohl das naturalistische als auch das theistische Szenario können sich durch die reale Entwicklung der Welt als falsch oder richtig erweisen. Von beiden Positionen aus kann man indes die Fragen nach dem Sinn unseres Daseins stellen und die Erfahrungen und Erkenntnisse interpretieren. Und man kann im Einzelnen unterschiedliche Schlussfolgerungen ziehen. Wichtig wäre, dass möglichst viele – gleich  welcher Gesinnung – das Buch lesen und sich dem als wertvoll erkannten, humanen, welterhaltenden Ziel stellen.

Weiter führende Literatur:
Peter Atkins: Über das Sein. Ein Naturwissenschaftler erforscht die großen Fragen der Existenz, Stuttgart 2013 (Reclam 20273);
Richard David Precht: Wer bin ich und wenn ja, wie viele? München 2007 (Goldmann 15528);
Dietrich Pukas: Die Logik in der Welt – Ansätze zur Weiterentwicklung des Neukantianismus, Frankfurt/M. 1978 (Haag+Herchen);
Markhoff H. Niemz: Bin ich, wenn ich nicht mehr bin? Ein Physiker entschlüsselt die Ewigkeit; 2. Aufl. Freiburg i. B. 2011 (Kreuz);
Mathias Schreiber: Was von uns bleibt - Über die Unsterblichkeit der Seele, München 2008 (DVA/Spiegel-Verlag Hamburg);
Blaise Pascal: Das Ich besteht in meinem Denken, Ditzingen 2017 (Reclam UB 19430);


Uwe Karstädt: Die Säure des Lebens
 
TAS-Verlag London 2016 (Taschenbuch-Ausgabe)
Rezension von Dietrich Pukas (04.07.2016)

Der vielgelesene Medizin-Autor Uwe Karstädt hat seinen Bestsellern „Die 7 Revolutionen der Medizin“, „Das Dreieck des Lebens“, „Entgiften statt vergiften“ mit „Die Säure des Lebens“ ein weiteres Aufklärungsbuch hinzugefügt, das ein akutes medizinisches Problem der Gegenwart in den Mittelpunkt stellt, mit diesbezüglichen Fehlern der Schulmedizin aufräumt und in diesem Zusammenhang die Machenschaften der Pharma- und Lebensmittelindustrie anprangert – zum Wohle der betroffenen und vielfach irregeleiteten Patienten. Und zwar geht es diesmal um die weit verbreitete Problematik des Sodbrennens, unter der viele Zeitgenossen leiden, jedoch nach medizinischen Standards massenhaft falsch behandelt werden mit bedenklichen Folgen für ihre Gesundheit.

Karstädt, der als Heilpraktiker über ein enormes überliefertes und unkonventionelles medizinisches Wissen einschließlich der Bezugsdisziplinen verfügt, hat in den einschlägigen weltweiten Studien zur Funktion und Störung des Verdauungsapparates ermittelt, dass der Mensch im Alter weniger wie allgemein angenommen unter zuviel Magensäure leidet, sondern im Gegenteil zu wenig Magensäure produziert, nämlich nur etwa 1/4 der Menge eines jungen Menschen, wie es auch für andere Magelerscheinungen des alternden Körpers typisch ist. Neben dem Alterungsprozess mindern auch Stress, Überforderung, Reizüberflutung, mangelnde Ruhephasen und sportliche Bewegung, Burn-out die Magensäure. Aber Karstädt gibt sich nicht mit der Theorie zufrieden, sondern überprüft sie in der Heilpraxis und hat den Magensäure-Mangel bei zahlreichen seiner Patienten tatsächlich festgestellt und mit geeigneten Maßnahmen erfolgreich behandelt, indem er z. B. die natürliche Magensäure-Herstellung durch Ernährung mit Bitterstoffen und fermentierten Nahrungsmitteln ankurbelt und in schweren Fällen Magensäure auffrischt bzw. substituiert durch ein spezielles Präparat namens Vektor-HCL.

Damit befindet er sich im krassen Gegensatz zu den üblichen Behandlungsmethoden der schulmedizinisch orientierten Ärzteschaft, die nicht die Ursachen von Sodbrennen und Reflux bekämpft, sondern das saure Aufstoßen nur als Folge behandelt und Antizida und Protonenpumpenhemmer verordnet, um die Bildung von Magensäure zu verhindern, was momentan Beschwerden lindert, aber auf längere Sicht die Lage auch verschlimmern kann.

Denn die Magensäure erweist sich nicht als Feind des Menschen, sondern als Säure des Lebens: Sie desinfiziert die Nahrung und befreit von Krankheitserregern (z. B. Helicobakter pylori), vernichtet ein schädliches Zuviel an Milchsäure, Buttersäure und Harnsäure und anderen Abfallprodukten (Übersäuerung des Gewebes). Sie sorgt zusammen mit Speichel, Bauchspeichel und Galle für die bessere Aufnahme von Nährstoffen wie Mineralien, Vitamine, Eiweiß (Aminosäuren) und Öle (Fettsäuren) und verhindert beispielsweise Eisen- und Kalziummangel. Besonders die Eiweißverdauung und Vitamin B 12 brauchen genug Magensäure für Zellaufbau und Gewebereparatur, Bildung von Antikörpern gegen Bakterien und Viren (Stärkung des Immunsystems), Produktion von Hormonen und Enzymen, Sauerstofftransport im gesamten Körper, Aufbau und Erhaltung von Muskeln, Sehnen, Bändern, Haut, Organen (Herz, Hirn), Drüsen, Nägeln, Haar, Bindegewebe (Kollagen) u. a.

Zu wenig Magensäure bewirkt Sodbrennen, insofern der Magen zum Ausgleich der verminderten Säure eine verstärkte Durchmischung der zerkauten Nahrung mit den Magensäften vornimmt und den Verdauungsvorgang in Gang setzt und infolge der Dynamik sauren Mageninhalt in die empflindliche Speiseröhre drückt, zumal der Nahrungsbrei statt 2 bis 3 schon mal 6 bis 9 Stunden im Magen verbleiben kann, dadurch Gär- und Fäulnisgase bildet und es durch den erhöhten Druck zum sauren Aufstoßen kommt. Zudem ist zu vermuten, dass der Sphinkter, das Ventil zwischen Speiseröhre und Magen, nicht ganz schließt, weil der vom Magen ausgehende Säurereiz dazu zu gering ist. Allerdings muss hier unbedingt durch eine Magenspiegelung des Facharztes ermittelt werden, ob hier etwa eine verbreitete krankhafte Fehlstellung des Sphinkters mit bereits eingetretener Speiseröhrenentzündung vorliegt. Diese Refluxösophagitis muss i. d. R. zunächst durchaus mit Säureblockern behandelt werden, bis nach ihrem Abklingen andere Maßnahmen ergriffen werden.

Andererseits kann die herkömmliche Reduzierung der Magensäure durch Medikamente der falsche Weg sein und auf Dauer fatale Folgen haben, zu einer chronischen Erkrankung des Patienten führen, beispielsweise zum Sickerdarm oder dem Leaky-Gut-Syndrom, Allergien oder anderen Volkskrankheiten, über die Karstädt aufklärt, nicht zuletzt mit Bezug auf fragwürdige ärztliche Behandlungsmethoden sowie der Gesundheit abträgliche Einflüsse der Pharma- und Lebensmittelindustrie. Als persönliche Konsequenz kann angeraten werden, dass man neben der vorrangigen Überprüfung des Sphinkters durch eine Magenspiegelung seine Magensäure messen lässt (gesund ist ein pH-Wert von etwa 0,8 – 2), bevor man sich die üblichen Säureblocker verordnen lässt. Außerdem könnte man eine Nahrungsumstellung und -ergänzung mit Bitterstoffen, fermentierten Produkten, Vector-HCL nach den Vorschlägen von Karstädt sowie seinen Tips zur günstigen Nahrungsaufnahme und Verdauung erwägen. Auf jeden Fall möchte ich das aufschlussreiche und im Übrigen preiswerte Buch allen gesundheitsbewussten Bürgern/-innen zur Lektküre und Grundlage der Vorsorge wärmstens empfehlen.


Mhairi McFarlane: Es muss wohl an dir liegen

Aus dem Englischen von Katharina Volk

Knaur Taschenbuch München 2016

Rezension von Dietrich Pukas (24.04.2016) 


Nach ihrem imposanten Bestseller „Vielleicht mag ich dich morgen“ erwartet man mit Spannung, welches fesselnde Schauspiel uns Mhairi McFarlane mit ihrem neuesten Roman „Es muss wohl an dir liegen“ bietet. Es ist ihr ein betörendes „Feuerwerk der Liebe und Intrigen“ gelungen, das wiederum ungeheueren Lesespaß für Alt und Jung, Reich und Arm, Frau und Mann, Abenteurer und Romantikerin bereitet.

Mit der ihr eigenen Anschaulichkeit und Treffsicherheit entfaltet die Autorin die Charaktere der Darsteller, wobei das Figurenspektrum mehr denn je bunt und kontrastreich ausfällt und sich das Personenkarussell schneller dreht als sonst. Da ist die attraktive Protagonistin Delia Moss, PR-Angestellte bei der Stadtverwaltung von Newcastle. Mit ihren tizianroten Haaren und üppigen Kurven lässt sie die Männerherzen und nicht nur das etwas höher schlagen als normal. Sie hat ihr Lebensglück bereits in Gestalt von Paul, einem gut aussehenden, lustigen Barkeeper und Kneipenbesitzer, gefunden und will ihn nach 10 Jahren des Zusammenlebens endlich ehelichen. Aber nicht nur dieser Plan endet in einer Katastrophe, beruflich stolpert sie über den charmanten Joe, einen getarnten genialen Computer- und Internetspezialisten, der die Oberen der Stadtverwaltung gewitzt blamiert und anonym herausfordert. Statt ihn auftragsgemäß zur Strecke zu bringen, empfindet Delia Sympathie für ihn und freundet sich mit ihm an, was sie ihren Job kostet. Sie zieht zu ihrer besten Freundin Emma, eine gewiefte, erfolgreiche Anwältin, nach London, nimmt ihre Comics-Zeichnerei aus Studienzeiten wieder auf, während sie sich zunächst vergeblich um neue Arbeit bemüht, bis sie auf den geilen, skrupellosen Kurt trifft. Dieser betreibt eine aufregende, unkonventonelle PR-Agentur und stellt Delia Knall auf Fall ein – wegen ihrer kreativen Fähigkeiten und ihrer erotischen Ausstrahlung. Im Zuge ihrer neuen Tätigkeit gerät Delia an den smarten Schönling Adam, einen Enthüllungsreporter und den härtesten Konkurrenten ihres Arbeitgebers, der die Naivität Delias in Bezug auf Kurts Machenschaften für seine Zwecke ausnutzt und sie sich als angeblicher Kämpfer für Aufklärung und das Gute gefügig macht. Wie und bei wem soll die 33-jährige Delia da ihr Glück finden, um die ersehnte Familie zu gründen?

Die moderne Berufs- und Arbeitswelt mit ihrer Hektik, Stresssituationen, animierenden Abwechslung und vor allem Tücken bildet wiederum den spannungsreichen Handlungsrahmen für das kunstvoll eingebettete Privatleben der Hauptpersonen und beeinflusst die Ausprägung und Entwicklung ihrer emotionalen Befindlichkeiten, Leidenschaften, Hass- und Liebesgefühle. Indem Mhairi McFarlane der Bedeutung ihrer zentralen Figuren trotz ihrer charakteristischen Verschiedenartigkeit im turbulenten Geschehen eine gewisse Ebenbürtigkeit zukommen lässt, erzeugt sie Offenheit und abwechselnde Überraschungen bis zum Ausgang der Geschichte und hält die Leser-/innen bei Laune bis zum Schluss.

Livestream-Lesung mit Mhairi McFarlane zu dem Buch bei Lovely Books am 25.04.2016 zum Nachlesen: http://www.lovelybooks.de/lesung/Mhairi-McFarlane/


DER KLEINE PRINZ – Das Musical von Deborah Sasson und Jochen Sautter
nach dem Welterfolg von Antoine de Saint-Exupery –
Aufführung im Theater am Aegi in Hannover am 20.12.2015
(Rezension vom 16.01.2016)

Den „Kleinen Prinzen“ haben wir einst im Französisch-Unterricht gelesen und „Saint-Ex“ war mein Lieblingsautor für das Abitur, weil er mich bereits in den 1950er Jahren als Poet faszinierte und in meiner damaligen Begeisterung für Technik und Weltraumfahrt auch als Pilot interessierte. Inzwischen ist die Geschichte vom kleinen Prinzen – in über 100 Sprachen übersetzt – eines der am meisten gelesenen Bücher der Welt, das Millionen von Erwachsenen und Kindern über Menschen-Generationen hinweg leidenschaftlich in den Bann gezogen hat und immer wieder neu mit Enthusiasmus erfüllt. Und ich besitze statt der einfachen Reclam-Ausgabe ein gebundenes Geschenkbuch mit den Originalzeichnungen von Saint-Ex zum Text. Jedenfalls war es naheliegend, das berühmte Werk zu verfilmen, und nun haben es Deborah Sasson und Jochen Sauter nach ihrer Neuinszenierung des „Pantoms der Oper“ gar als Musical umgesetzt. So freute ich  mich voller Erwartung darauf, mir die Aufführung schon vor Weihnachten in Hannover anschauen zu können.

In der märchenhaften Geschichte ist der kleine Prinz ein Botschafter von einem fremden Stern, der auf dem winzigen Asteroiden B 612 wohnt, wo Vulkane zum Aufwärmen des Frühstücks dienen und seine Rose mit den vier Dornen blüht. Den kleinen Prinzen treibt die Suche nach einem Freund in der Welt umher, die Aufhebung der Einsamkeit in der Freundschaft ist sein Ziel. Bevor er dem mitten in der Wüste notgelandeten, einsamen Piloten begegnet, hat er bereits sechs Nachbarplaneten besucht und auch schon merkwürdige Erfahrungen mit den Lebewesen auf der Erde gemacht: mit der Schlange, der Rose, dem Fuchs, insbesondere den Menschen wie dem Geografen, Geschäftsmann, Pillenhändler, Säufer, Eitlen, Laternenanzünder, König. Er tauscht seine Erlebnisse mit dem tiefsinnigen Piloten aus, der eigentlich Maler werden wollte, sodass sie vertraut miteinander werden, sich viele Dinge wandeln und in kleinen Parabeln manche Lebensweisheit zutage tritt: „Man sieht nur mit dem Hernzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

Doch kann diese Botschaft des Dichters in die manchmal versteinerten Herzen der Menschen eindringen und uns zur Besinnung bringen? Der kleine Prinz wirkt nur scheinbar wie ein Kind, denn seine Fragen treffen die Erwachsenen tief ins Mark und entlarven die ausweichenden bis peinlichen Antworten der Realitätsmenschen mit ihrer pragmatischen Sichtweise unserer Welt als wenig überzeugend und scheinheilig. Die Idee des Musicals ist: Über die Worte hinaus soll die Musik die Welt unserer inneren Gefühle bewegen und erschließen.

Dazu haben Deborah Sasson und Jochen Sautter 25 eindrucksvolle Musikstücke für die handelnden Figuren komponiert und mit ihrem Kreativteam durch situationsgerechte Choreografie, Bühnenarrangements mit abwechslungsreicher Musik, Orchestration, Sologesängen, Tanzeinlagen bis hin zum Akrobatischen, interaktiver Videoanimation, Lichtdesign, halbtransparenten Vorhangprojektionen und Beamereffekten, nachgestalteten Wandzeichnungen Saint-Exuperys, aber relativ sparsamer Kulissenausstattung das Musical in Szene gesetzt. Meine Erwartung einer romantisch verträumten Inszenierung zum Nachdenken über die tiefgründige, philosophische Thematik wurde indes durch zu viel Aktion enttäuscht, auch wenn es einige ruhige instrumentale Phasen zum Verweilen gab. Aber meine Voreingenommenheit durch die Besinnung auf die literarische Vorlage galt für das überwiegend erwachsene Publikum offenbar nicht, wie der anhaltende, starke Schlussapplaus offenbarte. Allerdings bleibt offen, ob die Zuschauer Saint-Exuperys Text überhaupt kennen oder ob sie durch die Musical-Aufführung animiert werden, ihn zu lesen und die empfangenen Eindrücke zu vertiefen.


Julian Nida-Rümelin: Der Akademisierungswahn – Zur Krise beruflicher und akademischer Bildung (Hamburg 2014, edition Körber-Stiftung; Bonn 2014, Bundeszentrale für politische Bildung Lizenzausgabe)
Rezension von Dietrich Pukas (Okt. 2015)

Der etwas reißerische Titel „Der Akademisierungswahn“ hält, was er im Untertitel verspricht, nämlich Aufklärung über die sich gegenwärtig anbahnende Krise beruflicher und akademischer Bildung in Deutschland, die viele Bürger betrifft und die es abzuwenden gilt. Mit seinem Essay eines Philosophen und besorgten Bürgers legt JULIAN NIDA-RÜMELIN (JNR) ein aufschlussreiches Buch vor, mit dem er nachdenklich machen und aufrütteln will, bevor es zu spät ist, die verhängnisvolle Entwicklung umzulenken. Denn es zeichnet sich einerseits ein Facharbeitermangel ab, während uns andererseits eine Akademikerschwemme droht, wenn es so weiter geht wie bisher. Beides gefährdet unsere Zukunft, unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt und unseren Wohlstand, sodass die nächste Bildungskatastrofe schlimmner ausfallen dürfte als die vorangegangenen. 

Wie ist es zu dieser Problematik gekommen? JNR weist nach, dass wir zu sehr den Empfehlungen der „Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit (OECD)“ gefolgt sind, die fälschlicherweise im Hinblick auf die USA argumentiert, die Abiturientenquote in Deutschland sei zu niedrig und müsste stark erhöht werden. Gleichzeitig wird die Fehlinformation verbreitet und suggeriert, das Abitur sei wertvoller und sichere ein besseres Leben als eine Lehre oder Berufsausbildung im dualen System (Betrieb und Berufsschule). Das hat zu einer fragwürdigen Umkehrung des Bildungsverhaltens geführt: Begann vorher die Mehrheit der Schulabgänger eines Jahrgangs eine Berufsausbildung, so wählen derzeit mehr Jugendliche den Weg über das Gymnasium und Abitur zum Studium als die Lehre in den Ausbildungsberufen. Diese Lage wächst sich nun durch die demografische Situation zur Krise aus: Es gibt insgesamt immer weniger Schulabsolventen, was im Endeffekt für die Betriebe, die Ausbildungsplätze anbieten, zur Folge hat, dass sie – je nach Region und Berufssparte – nicht mehr genügend geeignete Bewerber finden. Es entsteht bereits ein gravierender Facharbeitermangel, der unsere Wirtschaft beeinträchtigt, obwohl unser duales Ausbildungssystem wegen der geringen Jugendarbeitslosigkeit als „Exportschlager“ gilt und gerade von anderen Ländern übernommen wird.  

Als Ausweg werden bei uns immer mehr duale Berufsausbildungen in die Bachelor- und Masterstudiengänge an die Fachhochschulen und Universitäten verlegt, was allerdings schwer wiegende Auswirkungen hat. Die Hochschulen sind zu wenig darauf vorbereitet und nur zum Teil geeignet, die praxisorientierten Ausbildungen zu gewährleisten. Es ergibt sich eine Abkehr vom Handwerklichen, Praktischen, Technischen, Gestaltenden, wodurch in Deutschland ein beachtliches Niveau des verarbeitenden Gewerbes erreicht wurde und was durch die vielen Hochschulabsolventen weniger gegeben ist. Als Folge zeichnet sich ein Qualitätsverlust bei der Facharbeit ab, während zunehmend Arbeitslosigkeit der Akademiker entsteht. Die notwendige Verwissenschaftlichung beruflicher Bildung sollte vorrangig in Praxiserfahrung integriert im dualen Ausbildungssystem stattfinden, und zwar aufgrund von Innovationen in der Betriebspraxis, des technischen Fortschritts in der Arbeits- und Wirtschaftswelt, der Weiterbildung von Ausbildern und Berufsschullehrern.

Für die Krise akademischer Bildung ist nach JNR die misslungene Studienreform nach dem sogenannten Bologna-Prozess verantwortlich, d. h. die Aufteilung der Studiengänge in ein verschultes, komprimiertes Bachelorstudium von i. d. R. 6 Semestern und in ein wissenschaftliches Masterstudium von überwiegend 4 Semestern. Durch die Zerlegung des BA-Studiums in Module und ein Noten- bzw. Punkte-Vergabe-System für kleine Einheiten werden bewährte Berufsprofile zersplittert, während die verkürzte Wissenschaftsorientierung im MA-Studium die Qualität mindert, die einst die renommierten deutschen Diplom-, Magister- oder Staatsexamens-Abschlüsse garantierten und die weltweit anerkannt waren. Damit gehen gesteigerte Studienabbrecherquoten einher, nicht alle Hochschulabsolventen finden eine dem Studium angemessene Beschäftigung; vor allem steigen nicht wie einst geplant 80 %, sondern nur 20 % der Studierenden mit dem Bachelor in die Berufs- und Arbeitswelt ein und in Umkehrung der Verhältnisse streben 80 % einen Masterabschluss an.

JNR fordert dringende Konsequenzen für diese kontraproduktive Entwicklung und rekurriert auf die Grundidee der humanistischen Reformuniversität, die die Vielfalt der Wissenschaftskulturen bewahrt und als moderne europäische Universität die Einheit von Forschung und Lehre herstellt. Sie setzt auf das Bildungsideal, rationales Erkenntnisinteresse mit umfassender Persönlichkeitsbildung zu verbinden. Mit der Förderung wissenschaftlicher Expertise sind Urteilskraft und Entscheidungsfähigkeit zu vermitteln, die auch außerhalb akademischer Berufe eine erfolgreiche Praxis ermöglichen. Die Verankerung des wissenschaftlichen „Prinzips selbstständigen Planens, Ausführens und Kontrollierens“ in den dualen Ausbildungsberufen ist hierfür ein Beispiel. In erster Linie muss der „Bologna-Irrtum“ korrigiert werden, zwischen „berufsfeld- gegenüber wissenschaftsorientierten Studiengängen“ zu unterscheiden. Sowohl Universitäten als auch Fachhochschulen müssen ausgebaut werden, um die Studierenden besser auf überwiegend anwendungsbezogene und andererseits auf mehr forschungsorientierte Studiengänge zu verteilen und die hohen Abbrecherquoten zu senken. Gleichfalls verlangt JNR Maßnahmen für die duale Berufsausbildung: Eine Ausbildungsplatzumlage für nicht ausbildende Betriebe soll zum Lastenausgleich für diejenigen beitragen, die in die berufliche Bildung investieren. Außerdem sollen die Berufsschulen gestärkt und der Theorieteil der dualen Ausbildung soll aufgewertet werden. Für den Fall des weiteren Ausbildungsrückzuges von Betrieben sollten berufliche Vollzeitschulen, insbesondere Berufsfachschulen die Ausbildung übernehmen, zumal sie z. T. schulische Abschlüsse bis zur Hochschulreife bieten.

Von meinen Erfahrungen als Berufspädagoge her möchte ich besonders zwei pragmatische Empfehlungen geben: Die Hochschulen und ihre Repräsentanten sollten im Rahmen der bestehenden Möglichkeiten die gesamte Bandbreite zur Gestaltung grundständiger und konsekutiver Bachelor-Master-Studiengänge nutzen und sinnvolle, verwertbare Qualifikationsbündel sowie Fähigkeitsspektren für die akademischen Berufe schaffen, wie dies für die Ausbildungsberufe im dualen System gilt. Auf der anderen Seite könnten die Absolventen der Zubringerschulen verstärkt für eine duale Berufsausbildung gewonnen werden, wenn sie darüber informiert und dafür motiviert werden, dass sie auf der Grundlage und unter Anrechnung ihrer Ausbildung durch den Besuch weiterführender beruflicher Vollzeit- und Teilzeitschulen, vorzugsweise der zweijährigen Berufsoberschule, die Hochschulzugangsberechtigung erlangen und sich die akademische Berufswelt erschließen können, für die sie dann zukunftssicher qualifiziert wären. Als Leserkreis für das wichtige Buch, dem eine große Verbreitung zu wünschen ist, kommen alle Akteure beruflicher und hochschulischer Bildung in Frage: Bildungspolitiker, Lehrer der allgemeinen und beruflichen Schulen, Hochschullehrer, Studierende, Ausbilder, Auszubildende, darüber hinaus Eltern und Schüler sowie alle interessierten Bürger.

(vgl. Dietrich Pukas: Zur Umsetzungsproblematik der Studienreform nach dem Bologna-Prozess in Deutschland. In: Die Berufsbildende Schule 63 (2011) 11/12, S. 333-338. Unter: http://www.blbs.de/presse/zeitung/archiv_2011/blbs_1111.pdf; Interview mit Prof. Nida-Rümelin unter: https://www.youtube.com/watch?v=dLE4hqbgMD)


Sarah Saxx/Annika Bühnemann/Frieda Lamberti:
Hoffnung – Vertrauen – Vergebung
Drei Geschichten über die Liebe (2. Aufl. Fulda 2014)
Rezension von Dietrich Pukas (02.05.2015)             
 
Schöne Idee: Eine Trilogie von Kurzromanen zu präsentieren, um die Facetten der Liebe unter den Aspekten von Hoffnung, Vertrauen, Vergebung auf faszinierende Weise zu beleuchten. Dabei stellen Hoffnung, Vertrauen, Vergebung jeweils Elemente dar, die alle drei Geschichten grundlegend prägen und als Gemeinsamkeit aufweisen, dass sie in der gefühlsträchtigen Weihnachtszeit spielen. Zu eigen ist allen noch eine lockere, realistische Alltagssprache, die sozusagen an markanten Stellen „kein Blatt vor den Mund nimmt“ und die Leser/-innen direkt anspricht, jedoch dennoch die entscheidenden Momente der Liebe, jene Kulminationspunkte von Hoffnung, Vertrauen, Vergebung  in  glühende, strahlende, ergreifende, gefühlvolle Metaphern hüllt.  Aber die Geschichten sind jeweils in unterschiedlichen Erzählstilen gestaltet und haben ihre thematischen Schwerpunkte bei verschiedenen Problemen und Konflikten aus dem Lebensalltag, die spannend erzählt und auf die Spitze getrieben sowie zu ihrem je eigenen Happy End geführt werden. 

In dem mit „Hoffnung“ überschriebenen Roman von Sarah Saxx kämpft als Protagonistin Sophie um eine gemeinsame Zukunft mit ihrem Lebensgefährten Fabian. Ihre auf dieses Ziel gerichtete Hoffnung und Erwartung werden auf eine harte Probe gestellt. Denn ihre Liebe und Partnerbeziehung geraten in die Tretmühle der modernen Arbeits- und Wirtschaftswelt und drohen zermalmt zu werden, als sich Fabian selbstständig macht und sich über alle Maßen in seine Arbeit hinein steigert, sodass er dabei auch Sophie allzu oft vergisst und unglücklich macht. Zwischen Selbstbehauptung und Selbstaufgabe, Stress und Existenznot gerät er in eine überwältigende Abwärtsspirale, während Sophies Zuversicht und Vertrauen immer mehr schwinden. Wie können sie da noch die unheilvolle Entwicklung zum Punkt ohne Umkehr stoppen und zum Marsch ins gemeinsame Glück umlenken?

Annika Bühnemann erzählt in „Vertrauen“ die klassische Geschichte vom armen Mädchen und dem reichen Märchenprinzen erfrischend locker sowie gekonnt in unsere moderne Zeit versetzt. Nach dem bewährten Motto „Gegensätze ziehen sich an“ verstricken sich in eine prickelnde und leidenschaftliche Liebesbeziehung: die bis über den Hals verschuldete Malermeisterin Carolin und der verkappte Millionär Raphael als Mitinhaber eines Imperiums floriender Sprachschulen. Damit daraus etwas Tragendes für eine gemeinsame Zukunft werden kann, sitzen der unglücklich verheiratete Raphael und die von Männern tief enttäuschte Carolin zwar beide in einem kurzzeitig wärmenden Bassin, jedoch ebenfalls in einem Pool, angefüllt mit zwischenmenschlichen Negativerfahrungen . Und über ihrem Annäherungsgeschehen und Zusammenfinden schwebt die ganze Zeit das Damoklesschwert der Problematik, die alles zunichte machen kann: durch Verschweigen der wahren Identität und Lebensumstände zwar eine Nivellierung der trennenden Statusunterschiede vorzutäuschen und eine Chance des Kennenlernens zu erringen, sich aber gleichzeitig der Gefahr des Vertrauensbruches und tiefster Enttäuschung auszusetzen. 

Frieda Lambertis Kurzroman „Vergebnung“ konfrontiert uns mit zwei Menschen, die indes verheiratet sind, sich allerdings zum wahren, unverfälschten Leben zusammen raufen müssen. Patrizia ist an der Seite des politisch  ambitionierten Nikolas der Aufstieg in die Hamburger Gesellschaft gelungen und führt nach außen hin ein beneidenswertes Leben. Doch von der Innenansicht betrachtet, handelt es sich um ein hohles, bedrückendes Dasein – überschattet von der Tragik, keine eigenen Kinder mehr zu bekommen, und kompensiert durch soziales Engagement für repräsentative Zwecke. Patrizia leidet darunter, dass der stressige Politikbetrieb Nikolas gefühlsmäßig von ihr entfremdet, er zu wenig  Verständnis für ihr im Grunde sinnentleertes Dasein aufbringt. Sie gaukelt ihm Zufriedenheit und Dankbarkeit vor, bis sie – damatisch zugespitzt auf das Weihnachtsfest – in Gestalt ihrer Schwester Josefine und deren kleiner Tochter Ida von ihrer unbewältigten Vergangenheit eingeholt wird. Die unmittelbaren Ereignisse erschüttern verfestigte Vorurteile, Heucheleien, Fehleinschätzungen; kann dadurch der Weg für die erlösende Vergebung und in ein unverkrampftes Leben frei werden? 

So bieten uns – Frauen gleichsam wie Männern – die erfahrenen Autorinnen kurzweilige, spannende Unterhaltung jenseits von Krimis mit Mord und Totschlag. Und die anschaulich und mehrdimensional dargestellten Figuren und Personen mit ihren vielschichtigen Sorgen und Nöten sowie in diffizilen Situationen voller Lebensfreude und Glück mögen uns vergnüglich zur Reflexion unseres eigenen Verhaltens animieren.

(vgl. www.annikabuehnemann.com; www.sarahsaxx.com; friedalamberti.wix.com/friedalamberti)   


Richard David Precht: Wer bin ich und wenn ja, wie viele?
München 2007 – Taschenbuchausgabe 2012
Rezension vom 24.07.2014                                        
Richard David Precht, moderner Philosoph, erfolgreicher Publizist und Bestseller-Autor, ist derzeit in den Medien und auf dem Buchmarkt recht präsent. Und zwar als kompetenter Experte, der uns, d. h. einem weiten Leserpublikum, die großen Fragen des Lebens, die uns als Mensch existenziell betreffen, gekonnt, anschaulich und ansprechend in der unüberschaubaren Fülle heutigen Wissens aufbereitet.
Im vorliegenden Philosophie-Buch bringt er uns die Problematik unserer Herkunft und letzten Zielrichtung menschlichen Daseins bewundernswert vielseitig reflektiert nach den überlieferten und neuesten Erkenntnissen nicht nur der Philosophie, sondern gleichfalls der Soziologie, Psychologie, Biologie, Medizin und Hirnforschung nahe. Dies geschieht zur angenehmen Motivation der Leser/-innen auf einer „philosophischen Reise“ – so der Untertitel des Werkes – durch die Lebensgeschichte und Wissenswelt der jeweils wichtigsten Forscher und Geistesgrößen aller Zeiten, die nach Prechts weitem Überblick etwas Relevantes zu den zu klärenden Einzelfragen und zur Gesamtschau beizutragen haben. 

Was wir wissen können                                                                                                                                              In diesem Sinne begibt sich Precht unter dem Aspekt „Was kann ich wissen?“ auf seine tief schürfende Wahrheitssuche und setzt gleich bei der Wahrheit über die Größe, Stellung und Erkenntnisfähigkeit des Menschen im Zuge seiner Abstammung aus dem Tierreich und evolutionären Entwicklung an. Danach formt der Mensch seine Welt im Rahmen der subjektiven Einsichten, die ihm seine Sinne und sein Bewusstsein erlauben. Eine objektive Sicht der Dinge und „Welt an sich“ ist ihm letztlich verwehrt, dazu bedürfte er eines übermenschlichen Sinnesapparates. So wurde das menschliche Bewusstsein nicht durch die drängende Frage nach Wahrheit ausgeprägt, wichtiger war stets die Frage „Was ist für mein Überleben und Fortkommen das Beste?“ Der Weg war und ist das Ziel und somit auch die Frage, welche Möglichkeiten sowie Grenzen wir mit unserem Wirbeltierhirn haben.
Den modernen Menschen Homo sapiens, der vor etwa 400 000 Jahren auftrat, zeichnet eine enorme Zunahme der Gehirnmasse gegenüber den Säugetieren und ersten Primaten aus. Das lässt sich nicht allein durch Anpassung an die veränderte Umwelt erklären, sodass der sprunghafte Prozess unseres rasanten Gehirnwachstums (das Hirn wächst schneller als der Körper) ein Mysterium bleibt. Durchschlagende Instinkte und Verhaltensweisen wie Triebhaftigkeit, Aggression, Krieg, Familien- und Gemeinschaftssinn teilen wir mit den Affen, aber unser Gehirn erweist sich als eine „Art Hochleistungscomputer“, als der komplizierteste Mechanismus im gesamten Universum.                                                                                                                         Precht schildert eindrucksvoll, wieweit und ausführlich die moderne Hirnforschung inzwischen unser Gehirn entschlüsselt hat und in folgende anatomische Komponenten einteilt:
- den Hirnstamm und das Zwischenhirn, die als Reptiliengehirn für die angeborenen Instinkte zuständig, wenig lernfähig sind, die Sinneseindrücke verschalten und die automatisierten Bewegungsabläufe wie Herzschlag, Atmung, Stoffwechsel koordinieren, Reflexe, Schlafen und Wachen, Schmerzempfindungen, Körpertemperatur, Triebe einschließlich Sexualverhalten steuern;
- das Kleinhirn (limbisches System), das über Triebe und Emotionen hinaus entscheidend unser Bewegungsvermögen und motorisches Lernen beeinflusst, kognitive Leistungen beim Sprechen, sozialen Verhalten und Erinnern übernimmt, erste Ansätze für ein Gedächtnis und Bewusstsein liefert;
- das Großhirn (Neocortex), mehr als dreimal so groß wie die anderen Hirnteile zusammen, das als Sitz von Verstand, Vernunft, Logik fungiert und in sensorische Areale sowie höhere assoziative Regionen aufgegliedert wird.
Mit wissenschaftlicher Finesse, mikroelektronischen Messsystemen und Hochleistungs-Methoden wie Röntgen-Computer-Tomografie und Kernspinn-Tomografie liefert die Hirnforschung auch detaillierten Aufschluss über die elektro-chemische Signalübertragung im Gehirn, die neuronalen Schaltkreise, die Nervenströme in Neuronen, Axomen, Dendriten, Synapsen. Doch trotz hochauflösender Bilder und allem HighTec-Fortschritt ist es bislang nicht gelungen, die Kluft von den Zellen und Proteinen des Gehirns in die Sphäre des Geistes und Erkennens zu überwinden, d. h. die Hirnzentren und –funktionen als Mechanismus, der Geist, Sinn und Verstand erzeugt, zu enträtseln. So sind und bleiben insbesondere die subjektiven Erlebniszustände, persönlichen Gefühle und Leidenschaften der neuronalen Hirnforschung unzugänglich. Denn hier versucht das menschliche Hirn bzw. ein System sich selbst zu verstehen, womit die Hirnforscher mit einer anderen Methode das machen, was die Philosophen seit 2000 Jahren versuchen, nämlich denkend das eigene Denken zu begreifen.

Folgerichtig setzt Precht darauf beim radikalen Zweifel von Rene´ Descartes an. Wir können an allem zweifeln, jedoch indem ich zweifle, muss ich denken, was mich als denkendes Wesen voraussetzt: „Cogito ergo sum“. Damit hatte Descartes das Ich ins Zentrum der Philosophie gestellt. Die Welt erschließt sich in unserem Denken und mit ihm müssen wir ergründen, wer wir sind. Als Voraussetzung dafür benötigen wir eine funktionierende Sprache, um über die Dinge der Welt und unsere Zweifel daran zu kommunizieren. Das wiederum bedeutet, das Ich oder die Seele, wodurch ich bin was ich bin, ist auf die Sprach- und Denkwerkzeuge, also den Körper angewiesen. Es gibt keinen unabhängigen Ort für den Geist im Gehirn; die Hirnforscher bestätigen heute, dass Gefühle und geistige Tätigkeiten vom Aufbau und der Arbweitsweise des biologischen Organismus abhängen. Das menschliche Bewusstsein ist vom Zusammenspiel des Körpers und seiner Erfahrung mit der Umwelt geprägt. Wir wissen, wer wir sind, weil wir im Austausch mit unserer Außenwelt sehen, hören, riechen, schmecken, fühlen und die Sinnesempfindungen in den komplexen Schaltkreisen des Gehirns zu unserem mehr oder weniger komplizierten und abstrakten Wissen und Denken führen und uns eine Vorstellung von unserem Dasein als Mensch und Individuum ermöglichen sowie vermitteln. Prechts Fazit: Körper und Geist bilden eine Einheit – das Gehirn denkt und erzeugt mein Ich!

Im Ringen um das Ich und die Klärung der Frage „Wer bin ich?“ präsentiert uns Precht u. a. die Empfindungstheorie von Ernst Mach, wonach die Empfindungen des Körpers und die Vorstellungen des Geistes aus ein und demselben Stoff seien, alles auf der Welt bestünde aus den gleichen Elementen, also gäbe es auch kein Ich als abgrenzbare, unveränderliche Einheit im Gehirn. David Hume proklamierte gleichfalls den Tod des Ich, insofern Seele oder Ich keine erfahrbaren Gegenstände darstellen und der Mensch gar kein Ich brauche, um Empfindungen, Gefühle, Begriffe wahrzunehmen. Precht fragt: Ist das Ich, mit dem wir uns durch alle Lebensjahrzehnte als dasselbe Wesen empfinden, das alle unsere geistigen, emotionalen, willentlichen Akte ausmacht, nur eine Illusion? Die Psychologie als Naturwissenschaft kann das Ich nicht als gesichertes Faktum betrachten, denn es bleibt offen, ob wir ein Ich- oder Selbstgefühl aus Empfindungen oder eine Ich-Idee aus Vorstelllungen als Selbstkonzept ableiten, wobei das Selbst als unsere Willens- und Beurteilungszentrale fungiert. Jedenfalls haben die Hirnforscher bisher kein Areal oder Zentrum im Gehirn finden können, das das Ich hervorbringt oder steuert. Dann müsste das Ich eine materielle Substanz im Körper, nämlich gegenständlich sein. Immanuel Kant bezeichnet deshalb das Ich als „Gegenstand des innern Sinnes“ im Gegensatz zum „Gegenstand äußerer Sinne“, dem Körper. In diesem Sinne lässt die Philosophie die Frage nach dem Ich weitgehend unbestimmt. Obwohl das Ich nicht zu den „eindeutig auffindbaren Grundbestandteilen des Gehirns“ gehört, wird es nach Precht permanent als Ichgefühl erlebt. Immerhin unterscheiden die Hirnforscher verschiedene Ich-Zustände wie u. a. Körper-Ich, Verortungs-Ich, perspektivisches Ich (als Mittelpunkt der selbst erfahrenen Welt), autobiografisches, selbstreflexives, moralisches Ich (mein Gewissen) und es können auch Störungen dieser Ichzustände identifiziert werden. Damit ist nach Precht jedoch kein entzaubernder „Ich-Apparat“ gefunden, sondern ein „schillerndes, vielschichtiges und multi-perspektivisches Ich“, was nicht die tradierte Vorstellung widerlegt, „dass der Mensch von einem Supervisor namens Ich geistig zusammengehalten wird“.

Zur weiteren Erhellung, wer wir sind, setzt sich Precht noch dialektisch, Positionen und Gegenpositonen der Protagonisten kritisch abwägend, mit
- unseren Gefühlen als Partner des Verstandes, Motivatoren, moralische Emfpindungen (Pflichtgefühl),
- unserem Unterbewusstsein als wichtige unbeleuchtete Wahrnehmungen in unserem Leben,                                                                                                                                     - unserem Gedächtnis als Speicher von Bedeutungen und Grundlage von Erinnern und Verstehen,
- unserer Sprache als Erkenntnismittel für das Wissen von der Welt und unseres Wesens bzw. Selbst auseinander. 

Was wir tun sollen

Die philosophische Reise zu uns selbst setzt Precht im nächsten Hauptkapitel in die moralische Dimension fort, nämlich zu der Frage, wie wir unser Handeln bewerten: "Was soll ich tun?" Ausgehend von Rousseaus These, der Mensch sei von Natur aus gut, aber die Geselligkeit mache ihn böse, klärt Precht über den Menschen als Gemeinschaftswesen auf: die Lust am Sozialen, die Hilfsbereitschaft und Freude, Gutes zu tun, die Bereitschaft zur Kommunikation mit anderen Menschen als Ausweg aus der eigenen Beschränktheit. Menschen sind wie auch die Affen dazu fähig, gut und schlecht zu sein. So stellt sich uns die Frage nach dem „Gesetz in mir“, weshalb wir gut sein sollen. Nach Kant zeichnet uns vor allen Wesen die Eigenschaft der Menschenwürde, die Fähigkeit zum Gutsein aus, indem wir Freiheit besitzen und moralisch handeln können. Dieses Menschsein, der gute Wille in uns, erscheint als Naturphänomen und verpflichtet uns zum grundsätzlichen Gutsein. Da wir in der Lage sind, gut sein zu wollen, sollen wir auch gut sein, sodass Kant mit seinem „kategorischen Imperativ“ alle Menschen zur absoluten Vorbildrolle verpflichtet: „Handle stets so, dass die Maxime deines Willens jederzeit als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.“ Danach sagt uns die Vernunft, was wir zu tun haben. So suchen die Hirnforscher ein Zentrum für Moral im Gehirn und es gilt die Bedeutung des Unbewussten für unseren moralischen Willlen zu berücksichtigen. Nach Schopenhauer ist nicht die Vernunft die „Kommando-Zentrale“ im Gehirn, sondern der Wille, dem der Verstand folgt. Somit gilt es, die Instinkte und Antriebskräfte für das moralische Verhalten und Handeln zu untersuchen. Indes haben die Hirnforscher kein biologisches Hirnzentrum für Moral feststellen können, stattdessen sind verschiedene vernetzte Hirnregionen für unsere
Empfindungen und moralischen Gefühle gleichzeitig am Werk. Jedoch kein chemischer Prozess verursacht als solcher aus sich selbst heraus Liebe, Zuneigung oder Verantwortung. Das müssen wir selbst bewirken. Nach Kant verpflichtet sich der Mensch aus Selbstachtung zur Moral, frühere Philosophen begründeten sie als Verpflichtung gegenüber Gott, nach heutigen Erkenntnissen beruht moralisches, altruistisches Verhalten eher auf Selbstbelohnung: Es lohnt sich für uns und die Gemeinschaft, gut zu sein, das macht glücklich und zufrieden. Dieses Wissen wird durch Lebenserfahrung erworben, jedoch gibt es einen Moralinstinkt, eine intuitive Moral, die sich z. B. in unseren persönlichen Gefühlen von Sympathie und Antipathie äußert. Bei aller Verschiedenheit menschlicher Moralvorstellungen geht es nach Precht im Kern um die „immergleichen alten Werte“: Appell ans Gewissen, Ruf nach Verantwortung, Forderung von mehr Gleichheit und Demokratie, Brüderlichkeit und Schwesterlichkeit. Ethisches Verhalten erweist sich als komplexer Altruismus aus Gefühlen und Abwägungen. Wieweit wir moralisch handeln, hängt von unserer Selbstachtung und wiederum von unserer Erziehung ab, wobei der Aspekt der Selbstbelohnung eine tragende Rolle spielt.

Unter diesen grundsätzlichen Aspekten der Moral reflektiert Precht das Für und Wider konkreter moralischer Probleme unserer Gesellschaft, zeigt Grenzen für unser ethisches Handeln auf, wo sich aus unserem Selbstbestimmungsrecht als Individuum inhumane Folgen für die Gesellschaft ergeben, und vermittelt Orientierungsleitlinien zu den Fragen: Darf man Menschen töten? Ist Abtreiben moralisch? Soll man Sterbehilfe erlauben? Dürfen wir Tiere essen? Wie sollen wir mit Menschenaffen umgehen? Warum sollen wir die Natur schützen? Darf man Menschen klonen? Wohin führt die Reproduktionsmedizin? Was darf die Hirnforschung? 

Was wir hoffen dürfen

Den dritten Hauptteil des Werkes, unter der Fragestellung "Was darf ich hoffen?" angesiedelt, eröffnet Precht mit der größten aller Vorstellungen: der Existenz Gottes und setzt sich dezidiert mit den Gottesbeweisen und Gottesgegenbeweisen auseinander. So führt er Anselm von Canterburys ontologischen Gottesbeweis auf, wonach Gott als die höchste aller Vorstellungen unmittelbar als Maßstab und Begriff für das Größte existieren müsse, weil darüber hinaus nichts Vollkommeneres gedacht werden kann und dieser absolute Anspruch nicht für alles Untergeordnete und Unvollkommene gelte. Dem hielt Thomas von Aquin entgegen, dass die Vollkommenheitsvorstellung von Gott nur in unserem Bewusstsein existiert und nicht unabhängig davon. Außerdem sei anzunehmen, dass Gottes Sein etwas so Großes sein muss, das mit der menschlichen Vorstellungskraft gar nicht zu erfassen ist. Daher setzt er auf den kausalen Gottesbeweis und erklärt Gott aus der Logik von Ursache und Wirkung. Die Welt muss aus einer ersten Wirkungsursache entstanden sein, die alles geschaffen und in Bewegung gesetzt hat, denn aus dem Nichts kommt nichts. Und am Anfang von allem muss etwas stehen, was selbst unbewegt ist und alles umfasst: ein „unbewegter Beweger“. Diesen Gottesbegriff hat Thomas von Aristoteles übernommen. Demnach muss Gott die Eigenschaften haben, die die gegenständliche Welt nicht hat. Gott müssen wir uns als Wesen vorstellen, das nicht aus Materie besteht, nicht an Raum und Zeit gebunden und nicht dem Kausalprinzip unterworfen ist: allmächtig, allwissend, unendlich, ewig, unergründbar. „Sein Wille ist absolut und vollkommen, unendlich in seiner Liebe und das Glück selbst“ (Precht). Die Kunst des Gottesbeweises bestand nach Thomas von Aquin darin zu zeigen, wie sich Gott dem Verstand vermittelt.

Das prangerte Immanuel Kant in seiner „Kritik der reinen Vernunft“ als Vorstellungen in unseren Köpfen an, die nicht aus der Welt außerhalb unserer Erfahrung stammen, sodass es im Grunde müßig ist, Gott beweisen zu wollen (D.P.). Dennoch gibt es heute eine wissenschaftlich geführte Diskussion über Gottesbeweise, die gerade die nüchterne Hirnforschung anheizt. Durch Messung von Hirnströmen und die Ableitung religiöser Gefühle aus dem Einfluss von Magnetfeldern versucht man, einem religiösen Zentrum im Gehirn auf die Spur zu kommen. Motto: Wenn Gott in unserem Gehirn verankert ist, dann ist er immer in uns, erleuchtet uns und wir werden ihn nicht los! Dieser neuro-theologische Gottesbeweis kann nach Precht bestenfalls zeigen, auf welche Weise gefühlte religiöse Wahrheiten neurochemisch zustande kommen; dass hier Gott mit den Menschen sprechen soll, erweist sich als reine Spekulation. Darauf trifft ebenfalls Kants Kritik zu, dass Gottesbeweise aus der eigenen Erfahrungswelt nicht unzulässig auf eine behauptete objektive Welt übertragen werden dürfen. Demgegenüber setzt der kausale Gottesbeweis nicht bei Vorstellungen an, sondern bei der Frage, warum die Welt existiert. Dass es eine erste Ursache gibt, erscheint logisch, dass sie Gott sein muss, kann in Frage gestellt und dafür etwa eine ewige Materie (an sich) gedacht werden. So bezweifelt Bertrand Russell die Notwendigkeit einer ersten Ursache. Wenn nämlich alles eine Ursache hat, dann gibt es keinen Anfang: keinen Beginn der Materie und keinen (ersten) Gott. Daraus haben Theologen wie Rudolf Bultmann die Folgerung gezogen, jeden Gottesbeweis abzulehnen, da Gott mit unserem Wirbeltierhirn nicht erkannt und begründet, sondern höchstens wie auch immer übersinnlich erfahren werden kann oder eben nicht.

Damit befindet sich Precht noch nicht am Ende, sondern er spürt nun indirekten Gottesbeweisen nach und fragt: Hat die Natur einen Sinn? Zunächst greift er auf Paleys Natürliche Theologie zu. Als Ziel aller Philosophie postuliert dieser die „Vermehrung des Glücks“. Der Mensch wird nicht durch seinen Glauben gut im christlichen Sinn, sondern erst durch seine Taten, durch Übernahme von Verantwortung und soziales Engagement. Vergleichbar, wie Gott die Natur als funktionierendes System strukturiert hat, muss sich jeder Mensch in sein soziales Umfeld einpassen, um seine Bestimmung zu erfüllen. Paleys Philosophie von Gott als dem Schöpfer der Natur mit dem Prinzip der Anpassung der Organismen an die Natur wurde schließlich durch Darwins Evolutionstheorie von der selbsttätigen Anpassung der Arten an die Natur abgelöst. Statt Gott als Ursache und Wirkungsprinzip anzunehmen, ersetzte ihn Darwin durch die Natur, die im „Kampf ums Dasein“ das Zweckmäßige durchsetzt. Nach dem Prinzip der Selbstorganisation im ständigen Austausch mit der Umwelt, im „Rückkopplungsprozess mit dem Rest der Welt“ erfindet sich die Natur mitsamt allen Lebewesen fortlaufend neu. Allerdings können wir das wunderbar zusammengesetzte Universum mit seinen genialen Gesetzen und mysteriösen Kräften, die die Konstellationen bewegen, mit unserem begrenzten Verstand nur ansatzweise verstehen, wie Precht zu bedenken gibt. Wir konstruieren die Natur stets mit den Mitteln unseres Denkens, sodass die objektive Realität für uns eine selbst erzeugte Wirklichkeit bleibt und es jedem Einzelnen überlassen ist, welchen Platz er dabei Gott einräumen will. Precht prophezeit, dass es die Biologen noch lange beschäftigen wird, ob wir die belebte Welt auf der Grundlage von Ursache und Wirkung oder auf dem Fundament der Selbstorganisation zu erklären haben.

Interessanter Weise wurde das biologische Konzept der Selbstorganisation im letzten Jahrhundert von dem Soziologen Niklas Luhmann aufgenommen und zur Deutung der Funktion sozialer Systeme verwendet. Menschen sind zwar als Lebewesen dem biologischen System von Stoff- und Energieumsätzen unterworfen, aber sie sind ebenfalls sozialen Systemen zum Austausch von Kommunikation und Sinn verhaftet. In der menschlichen Gesellschaft tauschen sich keine Stoffe und Energien aus wie bei Bakterien, keine Neuronen wie im Gehirn, sondern Erwartungen. Durch Kommunikation werden Erwartungen so vermittelt, dass soziale Systeme wie Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Erziehung, Kunst, jedoch auch die Liebe entstehen und weitgehend stabil und unabhängig von anderen Einflüssen funktionieren. Nach Luhmann ist die Liebe ein soziales System, gebildet aus Erwartungen, genau genommen aus fest geschriebenen Erwartungen oder Codes. Denn mit dem Satz „Ich liebe dich!“ ist laut Precht in der Regel nicht nur eine Gefühlsäußerung, sondern ein ganzes System von Versprechungen und Erwartungen gemeint, z. B. dass derjenige, der seine Liebe versichert, sein Gefühl für zuverlässig hält und bereit ist, sich wie ein Liebender nach den Erwartungen des Partners und der Gesellschaft zu verhalten. Während Luhmann mit seinem Begriff der Liebe als „Bedürfnis nach Selbstdarstellung im Blick des Anderen“ die Komponente des biologischen Individuums stark vernachlässigt, stellt Precht klar: Liebe ist sowohl im biologischen wie im soziologischen Sinne eine Ausnahme-Erfahrung, die durch bekannte biochemische Muster und soziale Codes geregelt wird. 

Im Zusammenhang damit stellt Precht die Frage nach der Entscheidungsfreiheit sowie Freiheit überhaupt. Er erörtert die Freiheit des Menschen vor allem auf dem Hintergrund der Philosophie des Existenzialismus von Sartre, der für eine absolute bzw. weitest mögliche Freiheit eintritt. Die Tiere sind durch festgelegte Instinkte und Handlungsmuster bestimmt, jedoch der Mensch muss seine eigenen Handlungsschemata kreieren. In einer Welt ohne Gott, wie sie Sartre annahm, haben allerdings die überlieferten Werte und moralischen Maximen keinen Sinn mehr, das einzig Existenzielle am Menschen seien seine Gefühle. „Der Mensch ist das, was er vollbringt“, alles Andere sei Selbstbetrug. Der Philosoph soll als Aufklärer die Anderen dazu anhalten, ihre Freiheit zu leben und sich dabei nach einem selbst gemachten Entwurf als Menschen zu verwirklichen. Diesen Radikalansatz der Willensfreiheit relativiert Precht, insofern wir durch unsere Lebensgeschichte und unsere Erfahrungen auf einen bestimmten Handlungsrahmen eingeschränkt sind, der uns aber je nach Lebensumständen und Tatkraft einen individuellen Handlungsspielraum gestattet und gewisse Veränderungen zulässt. Daran schließt Precht die Grundsatzfrage nach dem Eigentumsrecht an. Eigentum ermöglicht uns, etwas zu machen, was wir wollen, auch Herrschaft auszuüben. Der Erwerb von Dingen, die Liebe zu den Dingen fungieren als Glücksstifter. Eigentum erlaubt die emotionale Ausdehnung, mit Gegenständen lässt sich das Ich erweitern. Aber gleichfalls verpflichtet Eigentum als Vertrag unter Menschen, das Einverleiben von Besitztümern darf den Anderen nicht zu viel abverlangen, sondern muss nach den Prinzipien einer fairen Gesellschaftsordnung geschehen. Damit ist Precht bei der Problematik der Gerechtigkeit angelangt. Hier fordert er eine gerechte Gesellschaftsordnung und Fairness für alle, vor allem gleiche Grundfreiheiten und Chancengleichheit für alle. Die Gleichheit aller erweist sich als utopisch, denn nicht alle Mitglieder einer Gesellschaft sind im vollen Umfang selbstbestimmt und frei. Egoismus statt Gerechtigkeitssinn stellt die Antriebskraft für die gesellschaftliche Entwicklung dar und eine umfassende Theorie der Gerechtigkeit erweist sich als fragwürdig. Precht spitzt die Problematik schließlich auf die Frage zu, ob die Gerechtigkeit in erster Linie eine Aufgabe des Staates als „moralischer Gesetzgeber“ ist oder ob sie primär in der ethischen Selbstverpflichtung des Einzelnen liege. Einig sind sich die Gerechtigkeits-Theoretiker indes darin, dass Gerechtigkeit als eine Grundlage von Glück anzusehen ist, dem sich Precht im Folgenden widmet. Geld und Prestige stehen auf der persönlichen Werteskala der Bürger ganz oben vor Familie und Freunden, dabei erweist sich die materielle Orientierung im Wertesystem der Glücksökonomen als die falsche Lebensweise, materielles Streben erzeugt Sucht und Unzufriedenheit. Das von allen Industrieländern angestrebte Wachstum führt nicht zu glücklicheren Menschen. Beim privaten Glück kommt es in den meisten Glückssituationen auf das Verhältnis bzw. Spiel von Erwartung und Erfüllung an. Große Glücksgefühle sind meist ein kurzer Rausch und nicht verlängerbar. Dauerhaftes Glück lässt sich nur bei realistischen Erwartungen erreichen, also wenn ich mich nach Ludwig Marcuse mit den eigenen Erwartungen in Einklang befinde. Es gilt, seine Bedürfnisse zu regulieren, um sich Lust auf Dauer zu verschaffen. Precht gibt uns Regeln aus der Glückspsychologie, um unser Glück zu trainieren, damit wir uns ein angenehmes und sinnerfülltes Leben schaffen können. Für Precht macht am Ende selbstbestimmtes Glück den Sinn des Lebens aus. Das bedeutet, wir müssen uns durch unser eigenes Tun im Rahmen unseres Bewusstseins, unserer Logik, Sprache und Erfahrung selbst verwirklichen und so Erfüllung als Mensch finden sowie unserem Leben einen subjektiven Sinn geben.                     Und wenn ich von dieser Warte abschließend auf unser nicht gefundenes, mit wissenschaftlichen Methoden sowie unseren Sinnen nicht erfassbares Ich zurückblicke, dann fällt mir ein, dass wir im Sinne von Kants „Kritik der praktischen Vernunft“ berechtigt sind, an die zeit- und raumlose Beständigkeit unserers Ichs oder die Unsterblickeit unserer Seele zu glauben. https://www.youtube.com/watch?v=V_HY9YSTSHw&index=17&list=PL3kWvg9S4KFxjXCC5z9ZFPXcsMKRKHLSz (Interview mit Richard David Precht)


Mit Eva Lind + German Tenors + Claudia Hirschfeld
Konzert am 20.10.2013 Theater im Park Bad Oeynhausen (Rezension vom 26.10.2013)                                                                                          Eva Lind, eine der beliebtesten und renommiertesten Sopranistinnen der Gegenwart, gebürtige Österreicherin, bekannt aus zahlreichen TV-Sendungen, Duettpartnerin gefeierter Gesangstars wie Luciano Pavarotti, Placido Domingo, José Carreras oder René Kollo auf den größten Bühnen der Welt,
German Tenors, bestehend aus dem Duo Johannes Groß und Luis del Rio seit 1997, gleichfalls weltberühmt und in allen namhaften Konzertsälen sowie musikalischen Fernsehsendungen vertreten,
Claudia Hirschfeld mit ihrem „Open Art Orchester“, Superstar an der elektronischen WERSI-Orgel Louvre GS 1000, seit über 25 Jahren als Solistin und Partnerin bzw. „Orchester“ für Gesangs- und Musiklegenden in der Welt unterwegs,                                                           haben sich für eine Tournee zusammen getan und präsentieren gemeinsam die schönsten Melodien aus Klassik, Oper, Operette als „Sternstunden“ der Musik. Ich habe das wunderbare Konzert als hervorragendes Musik-Event am 20.10.2013 im herrlichen Park-Theater in Bad Oeynhausen/Ostwestfalen-Lippe erlebt.

Mit dem Triumphmarsch aus „Aida“ von Verdi eröffnete Claudia Hirschfeld schwungvoll den fantastischen Musikreigen auf ihrer vielseitigen, klangvollen Orgel. Die Tenöre schmetterten „E lucevan le stelle“ von Puccini oder den Gefangenen-Chor aus „Nabucco“ (Verdi) mit ihren voluminösen Stimmen in den Raum. Kontrastreich, aber nicht weniger fulminant setzte Eva Lind, dem Gesang eines Engels gleich, ihre helle Sopranistinnen-Stimme als Habanera aus „Carmen“ von Bizet ein, ließ die „Ode an die Freude“ von Beethoven, den „Frühlingstimmen-Walzer“ von Strauss oder „Ich hätt‘ getanzt heut Nacht“ aus dem Musical von Loewe/Lerner gleichfalls betörend erklingen. In großartigen Soli glänzte Claudia Hirschfeld mit der „Toccata d-moll“ von Bach und dem „Radetzky Marsch“ von Strauss. Neben „Granada“ von Lara, das Luis del Rio mit seiner warmen Tenorstimme in Szene setzte, ließen die Sänger noch andere Stücke von Puccini, Verdi, Donizetti, Cardillo, De Curtis als Ohrenschmaus für das Publikums ertönen. Bezaubernd und anmutig gestalteten Eva Lind und Johannes Groß Lehars „Lippen schweigen“ zum Mitschwingen. Im Schlussakkord präsentierten Sopranistin und Tenöre gemeinsam ein Medley aus dem „Weißen Rößl am Wolfgangsee“ sowie Lehars hinreißendes „Dein ist mein ganzes Herz“, wie immer stimmungsvoll, einfühlsam und kraftvoll begleitet von Claudia Hirschfeld mit ihrer vielfältigen Instrumentalisierung.

Das faszinierte und dankbare Publikum im voll besetzten Haus klaschte begeistert mit und erklatschte sich am Schluss zwei Zugaben. Die Künstler, die alles ohne Mikrofon gesungen haben, gaben ihr Letztes und kamen gar von der Bühne in den Zuschauerraum. Indes konnte man die Aktivisten während des gesamten Konzertes in Großaufnahme auf einer Hintergrundleinwand der Bühne betrachten, sodass man ihnen stets zweifach nahe war, was die gelungene Veranstaltung angenehm abgerundet und zum unvergesslichen Konzerterlebnis beigetragen hat.

http://www.youtube.com/watch?v=h0bDrRCbQpU (Eva Lind/René Kollo/Claudia Hirschfeld mit "Lippen schweigen" von Lehar); http://www.eva-lind.at/ (Homepage von Eva Lind); http://www.youtube.com/watch?v=Vytl2Jt5MZE (Claudia Hirschfeld im Interview und Konzert auf der WERDI-Orgel) 


Dr. med. Rainer Limpinsel: Diabetes heilen in 28 Tagen
Bonn 2012 (Rezension vom 25.05.2013) 

Aufgrund der durchaus sachkundigen Informationen, die das Buch enthält, ist nicht anzunehmen, dass der Autor Dr. med. Rainer Limpinsel den Titel aus Unkenntnis oder mangelnder Differenzierungsfähigkeit gewählt hat. So ist zu vermuten, dass die sensationelle Behauptung, den Diabetes (Typ II) in einem Monat heilen zu können, der Absatzsteigerung dienen soll. Das erweist sich für Diabetiker, die noch nicht genügend aufgeklärt sind, angesichts der Ankündigung Heilserwartungen hegen und auf eine schnelle und gar dauerhafte Errettung aus der unheilbaren Krankheit hoffen, höchst enttäuschend und ärgerlich.

Die Erklärungen, was Diabetes ist, welche Ursachen er hat und welches Ausmaß er annimmt, welche Symptome er aufweist, wie er gemessen sowie mit Tabletten und Insulin behandelt wird, welche Folgeerkrankungen er bewirkt, können für den Neuling aufschlussreich sein, werden indes in der herkömmlichen Diabetes-Schulung bzw. Standardwerken (z. B. aus dem Kirchheim Verlag Mainz) seit eh und je (i. d. R. viel intensiver) vermittelt. Das gilt auch längst für Limpinsels Aufklärung über die günstigen und schädlichen Arten von Kohlehydraten und Fetten und eine entsprechende Ernährungsumstellung bis hin zum Verzicht auf spezielle Diabetiker-Lebensmittel. Gleichfalls gehören körperliche Bewegung, Abbau von Übergewicht und Stressreduktion zu den Grundlagen der tradierten Diabetes-Therapie. Als bereichernde Ergänzung können Limpinsels Ausführungen zum Fasten, seine Sportübungen (5-Minuten-Fitnessprogramm) sowie seine Rezepte für das 28-Tage-Programm mit den schönen Abbildungen veranschlagt werden.

Dass Limpinsel mit seiner rigorosen Abnehmestrategie (20 kg Gewichtsverlust) persönlich Erfolg hatte, das Insulin absetzen konnte und auf Tabletten verzichten kann, ist ebenfalls keine neue Erkenntnis. Das gilt aber nur für Typ II-Diabetiker, die ihre Krankheit durch Übergewicht bekommen haben und deren Bauchspeicheldrüse noch recht funktionstüchtig ist. Hat man seinen Diabetes ererbt und/oder kein Übergewicht, dann kann man mit Limpinsels grundlegender Lebensumstellung, die für die wenigsten in Frage kommen dürfte, je nach individueller Situation lediglich eine geringere Absenkung des Blutzuckerspiegels erreichen und die Therapie moderat anpassen. Aber auch in Limpinsels Fall und vergleichbaren Fällen kann von einer Heilung keine Rede sein, sagt er doch selbst auf S. 45 unter der verheißungsvollen Überschrift „So besiegen Sie Ihren Diabetes“, dass der Diabetes „sofort zurückkehren“ wird, wenn man nach dem 28-Tage-Plan nicht das strikte Ernährungsschema einhält und wieder Gewicht zunimmt. Was er verschweigt oder nicht wahrhaben will: Der Diabetes ist eben nicht geheilt, sondern existiert latent weiter und muss ständig bekämpft werden – wie man weiß mehr oder weniger ausgeprägt in einer fortwährenden Abwärtsspirale. Für aufgeklärte Diabetiker hat das Buch nur eingeschränkten Erkenntnisgewinn und für Nicht-Fastenbereite noch weniger.


Carla Berling: Jesses Maria – Kulturschock (Satiren) Köln 2008
Rezension vom 23.04.2013


Carla Berling, erfolgreiche Kölner Autorin, die aus Bad Oeynhausen stammt, tourt derzeit mit einem humorvollen, unterhaltsamen Lesungsprogramm durch die Republik. Als waschechte Ostwestfälin erlitt sie einst einen wahren Kulturschock, nachdem sie ins Rheinland übergesiedelt war. Als Schriftstellerin verarbeitete die gelernte Journalistin ihre Erlebnisse zu einer Bücher-Trilogie, die an dem bekannten Ausspruch „Jesses Maria!“ orientiert ist. Ihre Bücher heißen: Jesses Maria – Kulturschock, Jesses Maria – Wechseljahre, Jesses Maria – Hochzeitstag. Darüber hinaus schrieb sie – charmant, locker, ernsthaft in der Sache – ihre Autobiografie „Vom Kämpfen und vom Schreiben“. Aber sie verfasste auch einen spannenden Roman bzw. Krimi aus der Welt der Strukturbetriebe („Strukkis“) über brutalen Konkurrenzkampf, Mobbing, Gehirnwäsche mit dem Titel „Die Rattenfänger“. Gleichfalls produzierte die vielseitig Talentierte einen erotischen Roman „Im Netz der Meister“ (2 Bände) über Sadomasochismus (SM). 

Das vorliegende Buch „Jesses Maria – Kulturschock“, das hier besprochen wird, spielte die Hauptrolle in Carla Berlings temperamentvoller, mitreißender, zu Lachtränen rührender Lesung über „ostwestfälische Gemeinheiten“ am 12.04.2012 in Barntrup/Lippe. Auf diese angenehme Art und Weise bin ich zu dem Buch gelangt, das uns mit den amüsanten Begebenheiten und Überlegungen der Maria Jesse in ihrem Alltag vertraut macht, uns vergnügt und erheitert. Dabei ist Maria Jesse eine ganz normale Frau mit gewöhnlichen Ansichten. Sie ist geschieden, erinnert sich noch genau an ihr erstes und ihr letztes Mal, kann viele Geschichten über ihrem „Ex“ namens Manni erzählen. Obwohl sie nicht neugierig ist, will sie alles wissen und gibt ihre Gedanken, die wir im Grunde alle kennen und die uns in den alltäglichen Situationen kommen, als innere Monologe wieder: sei es im Gottesdienst, beim Einzug neuer Nachbarn, auf dem Begräbnis von Onkel Willi, im Theater, auf dem Klassentreffen, aufgrund der Begegnung mit schwulen Männern, bei der Performance von Frau Bitterbös, Vernissage von Maler Bodo Maximus, beim Frisör, in Erinnerung an Hochzeitstage, anlässlich der Konfrontation mit Ehebruch, beim Frauenarzt, angesichts der krankhaften Wehleidigkeit ihres Mannes, bei der Goldhochzeit von Tante und Onkel, beim Musical-Besuch, schließlich bei einer Weinprobe. 

Was die Banalitäten lesenswert, unterhaltsam, belustigend macht, ist die feinsinnige Art, wie Carla Berling die Situationskomik gestaltet, die uns aufheitert und ermuntert: So geht Maria lieber zum Zahnarzt als zum Frauenarzt – obwohl Letzterer nicht bohrt. Oder Marias deftige Interpretation der hochtrabenden Winzer-Worte bei der Weinprobe wie „…rassige Säure, leichter Körper … mit einem harmonischen, runden Körper paart … für einen aromatischen langen Abgang …“ Die verspottende Beschreibung des modernen Bildes als rot gestrichene Wand, wobei dem Betrachter durch Verzicht auf figurative Darstellung keine Interpretations- und Assoziationsmöglichkeiten vorweg genommen werden sollen, und Marias ernüchternder Kommentar: „Der ist ja oberschlau! Der sagt, da ist was zu sehen, das kannst du nicht sehen.“ Nicht zuletzt die pikante Schilderung, wieso Maria von der Musical-Aufführung ohne Unterwäsche nach Hause kommt. 

Dem Buch und den anderen sei also ein breites Leserpublikum gewünscht. Und man sollte möglichst mal live dabei sein, wenn Carla Berling in einer leidenschaftlichen Lesung Maria Jesse verkörpert und schwungvoll aufleben lässt.

Homepage von Carla Berling unter: www.carla-berling.de http://www.amazon.de/Carla-Berling/e/B0048ZVPWU/ref=ntt_athr_dp_pel_pop_1 (Video: Carla Berling liest die Satire "Musical" aus Kulturschock) http://www.youtube.com/watch?v=H0dDjQuczCI (Carla Berling liest Jesses Maria)


Das Phantom der Oper von und mit Deborah Sasson                                                                Das deutschsprachige Meisterwerk mit großem Orchester                                                          Aufführung am 01.02.2013 im Theater am Aegi in Hannover (Besprechung vom 19.02.2013)                                                                                         Wie dem ausführlichen Programmheft, dem gleich eine CD mit 23 Liedern aus dem Musical beigefügt ist, zu entnehmen, ist Deborah Sasson in Boston/USA geboren und aufgewachsen. Sie hat Musik studiert und mit dem Bachelor am renommierten Oberlin College sowie dem Master am New England Konservatorium abgeschlossen. Damit war aufgrund ihrer Begabung der Grundstein für eine Weltkarriere gelegt. Deborah gastierte in den berühmtesten Meisterwerken wie Mozarts "Zauberflöte" oder Puccinis "Tosca" auf den internationalen Bühnen in New York (Metropolitan Opera, Broadway, Carnegie Hall), San Francisco, Buenos Aires, London, Paris, Venedig oder Tokyo (Suntory Hall). Leonhard Bernstein vermittelte ihr ein Engagement an die Hamburger Staatsoper ("West Side Story") und sie brillierte bei den Wagner Festspielen in Bayreuth. Ihre Konzerttätigkeit ist vielfältig und umfangreich, ihre künstlerische Arbeit reicht von Oper über Musical bis Crossover und Pop; sie wirkt in großen TV-Galas (José Carreras, André Rieu), Open Air-Veranstaltungen, Duo-Programmen (Cliff Richard, Gunther Emmerlich) mit oder gibt Solokonzerte mit ihrem eigenen internationalen Ensemble; sie erhielt mehrfach begehrte Preise (Awards) und Platin für ihre wunderbaren CDs.

Mit dieser Neuinszenierung des „Pahntoms der Oper“ in deutscher, englischer und französischer Sprache hat Deborah Sasson ihr vielseitiges Talent und Können noch um eine wertvolle Facette bereichert: Sie singt und spielt nicht nur die Hauptrolle in dem Stück, sondern sie hat die künstlerische Gesamtleitung inne, hat die Musik komponiert und mit Jochen Sautter (Regie und Choreografie) das Buch geschrieben, während Peter Moss die Musikarrangements besorgt hat. Dieses Opern-Musical hält sich enger an die Roman-Vorlage von Gaston Leroux (1868-1927) als die berühmte Musical-Version von Andrew Lloyd Webber oder sonstige Bühnenbearbeitungen, Filme und Hörspiele.

Schauplatz der Geschichte ist bekanntlich die Pariser Oper (1877 neu errichtet) mit ihrem katakombenartigen Unterbau, in dessen Labyrinth das Phantom namens Erik lebt. Es handelt sich bei ihm um ein musikalisches und technisches Genie, das sich in den Kellergewölben der Oper häuslich eingerichtet hat, und zwar auf der Flucht vor der Verachtung der Menschen wegen seines von Geburt an schwer entstellten, meist unter einer Halbmaske verborgenen Gesichts. Das Faszinierende an dem Werk, das es für Jung und Alt zeitlos macht, ist die Dreiecksliebesbeziehung zwischen dem Phantom, dem Chormädchen Christine und dem Grafen Raoul. Das geniale Phantom unterrichtet Christine unter mysteriösen Umständen, bildet sie zur Solistin und zum gefeierten Opernstar aus. Sie sieht in ihm den „Engel der Musik“, den ihr verstorbener Vater ihr als Gesangslehrer schicken wollte. Davon wusste auch Raoul, der bei Christines berühmtem Vater einst Geigenstunden nahm, als Mäzen der Oper nach Paris zurückkehrt, wo er und Christine sich wieder begegnen und ineinander verlieben. Indes hat sich das Phantom unsterblich in Christine verliebt, entführt sie in seine Unterwelt, woraus Raoul sie retten will, jedoch in die Fänge des Phantoms gerät. Von Christine zurückgewiesen will Erik, das Phantom, dem man ohnehin Mord und Totschlag anlastet, alle töten, sich und Christine mitsamt der Oper in die Luft sprengen. Doch im Augenblick des Glaubens an die Liebe und der Demut besinnt sich Erik und gibt Christine und Raoul für deren gemeinsames Glück frei.

Deborah Sasson spielte mit ihrer wandelbaren, hellen Stimme und anmutigen Erscheinung eine hinreißende Christine, die alle – auf der Bühne wie im Publikum, das immer wieder spontan Applaus spendete – in ihren Bann zog. Auch wenn man noch unvergessene Songs von Lloyd Webber im Ohr hatte, Deborahs Lieder, von ihr und den Anderen eindrucksvoll überwiegend in deutscher Sprache vorgetragen, die hingebungsvollen Duette, nicht zuletzt Deborahs Zugabe als Habanera aus „Carmen“ konnten begeistern. Auch die anderen Rollen und das internationale Orchester waren mit Weltstars besetzt. Besonders hervorgehoben seien der bekannte gebürtige Salzburger Tanz- und Gesangsdarsteller Axel Olzinger, der ein stimmgewaltiges, charismatisches Phantom gab, sowie der ebenfalls international ausgewiesene Jochen Sauter, der einen leidenschaftlichen Comte de Chagny spielte.

Das großartige Bühnenbild zeichnete sich durch eine raffinierte Vorhangtechnik mit besonderen 3-D-Effekten aus: Video-Bilder aus der Pariser Unterwelt wurden nach einem ausgeklügelten System auf halbtransparente Vorhänge projiziert und schufen eine entrückte Kulisse und einzigartige Atmosphäre. Das große Orchester, schwungvoll geleitet von Peter Moss, bot klangvolle Klassik, beschwingende Operettenmelodien und anregende Poparrangements dar, sodass es eine schöne Komposition aus Oper und Musical zugleich war. Man konnte sich, wie im Vorwort des Programms angekündigt, über ein „stimmgewaltiges Entertainment mit Gänsehautfeeling, eine atemberaubende Bühnenshow“ freuen. http://www.youtube.com/watch?v=nUCXlJI9T4Y (Video zum Phantom); http://www.youtube.com/watch?v=lNCgcIHSEZM (Interview zum Phantom)


Deborah Sassons Portrait: Meine Lieblingslieder von Klassik bis Pop
Audio-CD Bensheim/Bergstr. 2003 
(Besprechung vom 04.01.2013)                                                                     Deborah Sasson („Debby"): weltberühmte Sopranistin, aus Boston gebürtig und auf den größten Opernbühnen des Erdballs zu Hause, mit dem Klassik-Echo-Award als erfolgreichste Sängerin und Interpretin dieses Genres ausgezeichnet. Sie lebt seit Jahren in Deutschland und erobert gerade mit ihrer musikalischen Neuinszenierung des „Phantoms der Oper“ und als überragende Hauptdarstellerin die Bühnen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Mit ihrer attraktiven, eleganten Erscheinung, ausdrucksstarken Gestik und Mimik,voller Charme, Natürlichkeit und Schwung meistert sie alle Stilrichtungen par exellence und verleiht jedem Event das ungewöhnliche Ambiente – auf Festivals, im Fernsehen und Rundfunk. 

Sie gibt jedoch auch Solokonzerte mit ihrem kleinen internationalen Ensemble und hat – dem Männerchor „Liederkranz Enzen-Hobbensen“ musikalisch verbunden und von einem begeisterten Publikum gefeiert – schon wiederholt ihr künstlerisches Repertoire von der klassischen Oper über Operette und Musical bis Crossover und Pop in meiner Schaumburger Heimat dargeboten, sodass ich ihren Gesang live kennen und schätzen gelernt habe (vgl. ihr Weihnachtskonzert in der Kirche zu Seggebruch bei Bückeburg unter: http://www.sasson.de/download/ds_ps_231212.jpg). 

Bei ihren fulminanten Auftritten fasziniert mich Deborah Sasson vor allem mit ihren leidenschaftlich vorgetragenen Lieblingsliedern, die sie besonders gerne singt – sie liebt die Musik inbrünstig in ihrer ganzen Vielfalt und Breite – und die sie auf der CD zu einem wundervolllen Liederreigen vereinigt. Höhepunkte aus Oper und Operette, Musicals, populäre Walzer, Volkslieder, Evergreens, aktuelle Pop-Songs – ihr Bogen umspannt Highlights wie Moon River, Frühling in Wien, Time, to say Goodby, Ave Maria, The Look of Love, Yesterday, Kinderland, Killing me softly, Don’t cry for me Argentinia, Ave Verum, Die schönste Rose, Tanzen möcht‘ ich, The Power of Love und reiht sie auf eine Perlenkette musikalischer Köstlichkeiten. 

Was macht das Musikereignis zum süchtigen Erlebnis, das andauern und uns weiter betören soll? Es ist ihre wandelbare Stimme mit den Facetten samtiger Wärme, dynamischer Kraft, klangvoller Stärke, reinster Klarheit, die kristallene Höhen erklimmt und uns in traumhafte Welten entführt, dann wieder anbrandend, uns mitreißend mit einer Macht wie das rollende Meer und der Vulkan auf glühender Erde. Das Echo hallt auch vom Tonträger nach.                                        Homepage von Deborah: http://www.sasson.de; Hörbeispiele von Deborah: http://www.sasson.de/deborah_erlebbar/hoerbeispiele.php   


Gertraud Wagner/Markus Matschkowski: Liebe spür'n
 
Audio-CD Hannover 1995 (Besprechung vom 31.12.2012)
                                                            Zwar nicht taufrisch, doch immer wieder hinreißend: Gertraud Wagner und Markus Matschkowski (heute Marc Masconi) ist ein wunderbares musikalisches Arrangement zum Thema Liebe gelungen.

Die Auswahl der Lieder ist vielfältig und bringt uns das faszinierende Gefühl aller Gefühle aus wechselnden Perspektiven nahe. Das bewirken sowohl die inhaltlichen Facetten als auch die Schwingungen der musikalischen Darbietung, die uns mit einer betörenden Klangwelt umfangen, einen Raum voller Gefühl und Seele zaubern und uns träumerisch in Wehmut, Erinnerung, Nachdenklichkeit sowie gleichsam Zärtlichkeit, Hingabe, Leidenschaft einhüllen und dahinschmelzen lassen. Ergriffen begeben wir uns auf die Suche nach den Clowns, folgen dem Achtzehnjährigen ins Liebesabenteuer, schwelgen in unserem aufgebrachten Gefühl, erleben die Nacht, in der das Leben neu begann, und manch andere Nacht, sagen liebevoll zueinander ja und danke, preisen deine Nähe und wollen nur die Zeit mit dir, sind – was wir sind und haben ein Ziel. Begeistert bis zum Schluss können wir der mal zärtlichen, eindringlichen, ausdrucksvollen und wieder kraftvollen, strahlenden Sopranstimme Gertraud Wagners lauschen und uns mitnehmen lassen.

Die Sängerin der Staatsoper Hannover – „Primadonna der Vielseitigkeit“ – hat mit ihrem künstlerischen Berater und ständigem Pianisten Masconi in dieser CD einmal mehr bewiesen, dass sie über das Mezzo- und Charakterfach hinaus eindrucksvolle Programme mit Pop, Musical und Chanson gestalten kann (was sie auch in entsprechenden Konzerten darbietet). Alle, die Liebe intensiv und hautnah musikalisch spüren wollen – und wer will das nicht? – sollten sich dazu beschwingt von Wagner & Masconi entführen und verführen lassen.                          Gertraud Wagner-Musikprobe: http://www.youtube.com/watch?v=8yjCHmyleO0


Gertrud Höhler: Die Patin – Wie Angela Merkel Deutschland umbaut (Zürich 2012)
Rezension vom 31.10.1012

Welch Glück für uns, dass Frau Prof. Dr. Gertrud Höhler, eloquente Literaturwissenschaftlerin, erfolgreiche Publizistin, renommierte Wirtschafts- und Politikberaterin, einst die verlockenden Angebote aus dem Politikbetrieb ausschlug. So können eingeschworene CDU-Anhänger und Merkel-Vasallen Gertrud Höhlers aufschlussreiches Buch nicht überzeugend als missgünstige Enthüllungsfantasien einer beleidigten Polit-Rivalin abtun. Statt dessen ist Gertrud Höhler befähigt, mit unabhängigem Geist und scharfem Verstand uns eine feinsinnige, wohl begründete Analyse dessen vorzulegen, was Sprache, Verhalten und Handeln der deutschen Regierungschefin Angela Merkel offenbaren. Sie fördert Überraschendes, Fragwürdiges und Gefährliches, politisch Brisantes zutage, das alle Bürger und Politiker in höchstem Maße betrifft, denen die Werte der Demokratie und das Wohl der Menschen am Herzen liegen und die darauf in Zukunft nicht verzichten wollen.

Zunächst beschreibt Höhler eindrucksvoll – stets in ansprechender, bildreicher Sprache –, wie Angela Merkel , die Frau aus dem Osten, „Anderland“ genannt, als „blauäugiges Unschuldslamm“ startet, unauffällig beobachtend als Testfahrerin mit Tarnkappe und Tarnanzug den Westen sowie das Deutschland der Wende erkundet und schließlich zur machthungrigen Wölfin mutiert (S. 17 ff.). Stillschweigend, unerkannt von den sie fördernden CDU-Männern, bei denen sie eher zufällig gelandet ist, gewinnt sie ihre Erfolg versprechenden Überzeugungen: Bindungslosigkeit als Führungsqualität, nämlich Relativismus, Indifferenz in Wertfragen, moralisches Desinteresse, Verzicht auf Bekenntnisse. Das Motto lautet: Alles ist relativ, vorläufig, reversibel, was auch für Werte gilt. Misstrauen und Unberechenbarkeit sind gut, weil sie uns vor denen schützen, die uns durchschauen und beherrschen wollen. Ohne Verpflichtungen und Traditionen, aber mit grenzenloser Flexibilität unterwegs sein, mit persönlichem Machtanspruch als Maxime des eigenen Handelns, dann kann man an den herkömmlichen Mitstreitern und Parteistrategen vorbei ziehen. Diese Erfahrungen und Einsichten hat Merkel ihren Westkollegen voraus, machen sie persönlich mächtig und ermöglichen, dass das einstige „Mädchen“ den Schwarzen Riesen, den Übervater Kohl, vom Thron stößt, „seinen zögernden Söhnen den Vatermord abnimmt“ (S. 22 ff.). Konsequent baut Angela Merkel ihre Machtposition auf, wird Landesvorsitzende, Bundesministerin, Generalsekretärin, Bundesvorsitzende, Kanzlerkandidatin der CDU, Bundeskanzlerin der großen und schwarz-gelben Koalition, führende Krisenmanagerin in Europa (Bildzeitung: „gute Patin Europas“, „Königin von Europa“).

Ausführlich und bei den verschiedenen Anlässen aufgreifend schildert Gertrud Höhler das „System Merkel“ (M), das die Macht der Aufsteigerin begründet und sichert. Es sind folgende Merkmale, die die Merkel-Politik bestimmen: „Marginalisierung der Parteien, Verwechselbarkeit der Programme, Nonchalance im Umgang mit Gesetzen, Aufweichung von Wert- und Normkonzepten, no commitment (keine Verpflichtung, D. P.), Bindungslosigkeit als Zukunftsmotor, zentralistische Allgegenwart von Staat und Plan, Überwindung des Wettbewerbs“ (S. 141). Darauf fußt ihr Konzept der situativen Entscheidungen, das die Flüchtigkeit aller Versprechen sowie eine hohe Verfallsgeschwindigkeit aller Loyalitäten beinhaltet (S. 270). Aus ihrer Sozialisation in der DDR-Diktatur geht Merkel nach dem Seitenwechsel als Überlegene gegenüber ihrer Mannschaft im Westen hervor, indem sie deren Tugenden, die verpflichten und binden, abgeworfen hat: Vertrauen, Verlässlichkeit, Loyalität, Treue, Berechenbarkeit. Sie nimmt für sich als Chefin das Privileg in Anspruch, schwer lesbar zu sein, und verbirgt ihr wahres Gesicht hinter Worthülsen, Gedankenschablonen, Sprachbausteinen, sodass Bundespräsident Gauck sagt, er kann sie nicht erkennen. Gauck hat in demselben Regime mit lauter Leuten in Deckung, Verratenen und Verrätern gelebt, jedoch gegenteilige Konsequenzen für seine Wertordnung gezogen: Er tritt für die Freiheit ein mit unverhülltem Gesicht und unverstellten Absichten, denn er ist kein Machttaktierer und erweist sich als von der Mehrheit der Deutschen akzeptiertes Staatsoberhaupt, jedoch als Antipode zu Merkel, die in seinem lauteren Charakter eine Gefahr für ihre autoritäre Machtpolitik sieht (S. 69-72).

Als wichtige Geschehnisse der Merkel-Politik schlüsselt Höhler vor allem folgende Ereignisse auf: die Ausmerzung der Machtkonkurrenten in der CDU, das Drama der Bundespräsidenten-Wahlen, die europäische Staatsschuldenkrise, den Atomausstieg mit der Energiewende. Für den CDU-internen Machtkampf ist typisch, dass die starken Konkurrenten der Staatschefin gehen (müssen) wie Merz, Koch, Oettinger, Peter Müller, von Beust, Röttgen u. a., während die schwachen und loyalen CDU-Leute grundsätzlich bleiben (dürfen) wie etwa Pofalla, öffentlich untragbar gewordene Kandidaten wie Guttenberg und Wulff sonderentsorgt werden (u. a. durch taktische Vertrauenserklärungen der Kanzlerin in dichter Folge) (S. 147-151). Die Vorgänge bei den Wahlen der Bundespräsidenten Köhler, Wulff und Gauck stellt Höhler als Drama in drei Akten dar, „Päsidentendämmerung“ genannt. Zur Andeutung der fragwürdigen, der Demokratie abträglichen Machenschaften zur Auswahl der Kandidaten und Manipulation der Wahlberechtigten geben wir die metaphorischen Überschriften wieder: „Das Amt als Beute der Politik“, „Nicht nur die Kandidaten, auch das Amt entmachten“, „Das Gauck-Paradox – Unsterbliche Werte, die im Sterben liegen“ (S. 195-230). Laut Höhler hatte Merkel in der Euro-Krise einen taktischen Vorteil, da sie „so wenig Europäerin wie sie Konservative“ ist (S. 91 ff.). Angesichts der drohenden Staatspleiten in Griechenland, Portugal und Irland sowie der enormen Haushaltsdefizite in Spanien und Italien, jedoch der ansteigenden deutschen Konjunktur wurde „Deutschland zum starken Mann Europas“ und Merkel galt als „mächtigste Frau der Welt“. Sie ergriff ihre „neue Rolle als europäische Sparmeisterin“ und erweiterte ihre Macht international, indem die europäische Staatsschuldenkrise verschleiernd zur „Euro-Krise“ umgedeutet wurde und mit Merkel an der Spitze unter Missachtung bestehender EU-Verträge der Euro-Rettungsschirm wiederholt erhöht wurde. Unter den Überschriften „Euro-Rettung: Lizenz zur Rechtsbeugung“ (Europäische Finanzstabilisierungsfazilität = EFSF), „Merkels <Meisterleistung>: Ein deutscher Maßanzug für Europa“ (permanenter Krisenfonds ESM = Europäischer Stabilitätsmechanismus; Modell der Schuldenbremse), „Keine Zeit für Demokratie: der Europäische Zentralstaat“ (Finanzunion und Fiskalpakt zur Kontrolle; Vereinnahmung der EZB), „Europa am deutschen Gängelband“ (Marktwirtschaft als Planwirtschaft) zeichnet Höhler, die offensichtlich in Finanzen, Wirtschaft, Politik recht sachkundig ist, auf, wie Merkel „ihren Weg zur Staatswirtschaft und zur Einheitspartei auf der europäischen Ebene“ konsequent fortsetzt (S. 93-103).

Der Atomausstieg mit der Energiewende ist Höhlers Paradebeispiel für die Etablierung des Systems M und das Grundmuster für den politischen Umbau Deutschlands zu einem zentralistischen Staat und zieht sich als Leitindiz für die „freibeuterische Machtmentalität“ der Bundeskanzlerin durch das gesamte Buch: „Positionslosigkeit, Werterelativismus und autoritäre Anmaßung“ (S. 104 ff.). Die Mehrheit von CDU/CSU und FDP beschloss 2010 im Bundestag die Laufzeitverlängerung der deutschen Kernkraftwerke und brachte damit das Atomausstiegsgesetz der rot-grünen Bundesregierung von 2002 zu Fall. Angesichts bevorstehender Verfassungsklagen und Landtagswahlen nutzte Merkel 2011 den GAU von Fukushima („fast wie ein Geschenk“) zum radikalen Kurswechsel und agierte als „politische Heuschrecke“, indem sie das rot-grüne Alleinstellungsmerkmal des Atomausstiegs erbeutet und drei Tage nach der japanischen Katastrophe aus persönlicher Betroffenheit sich selbst ermächtigt, das Verlängerungsgesetz ihrer eigenen Regierung für drei Monate auszusetzen (Moratorium), obwohl dies nur durch ein nachfolgendes Gesetz rechtens ist. Außerdem wurden nach Höhler noch ein halbes Dutzend anderer Gesetze, unter ihnen Aktienrecht und Verfassungswerte, „einfach vom Tisch gewischt“. Mit der sofortigen Abschaltung von sieben Kernkraftwerken stellte sich die Kanzlerin den Energiekonzernen und der gesamten Wirtschaft „als neue Herrin des Kernsektors der Industriegesellschaft“ (Staatszugriff auf den Energiesektor) vor, ohne dafür eine Rechtsgrundlage zu haben, also außerhalb der Legalität (S. 106, 107). Merkels Wort ist praktisch Gesetz. Da wurde zur Verschleierung und moralischen Rechtfertigung ein juristischer Trick angewendet, nämlich der Rückgriff auf die staatlich gebotene Pflicht zur Gefahrenabwehr („im Zweifel für die Sicherheit“) wurde strapaziert – für Höhler ein Angstargument und eine Irreführung der Menschen, weil die Risiken in Japan und Deutschland aufgrund der nachlässigen japanischen Sicherheitshandhabung nicht vergleichbar seien. Das Atomrestrisiko war für Merkel zum Wahlrestrisiko geworden, der Grüne Kretschmann wurde Ministerpräsident in Baden-Württemberg, die feindliche Übernahme der Ausstiegsidee durch das Moratorium ist fehlgeschlagen. Deshalb wurde als nächster Coup der Kanzlerin die Opposition ins Atomausstiegsboot geholt und SPD und GRÜNE konnten sich der 180°-Energiewende durch eine schnelle Gesetzesnovellierung nicht entziehen. Höhlers Fazit: Die Kanzlerin ist beim Atomausstieg ihrem Politikstil treu geblieben: Unterwanderung der demokratischen Entscheidungsfindung, Täuschung der Bevölkerung über die Beweggründe, Bruch von Versprechen (hier gegenüber der Industrie), Arroganz ihres Führungsanspruchs infolge inhaltlicher Fehler (S. 108-110).

Gertrud Höhler liefert noch zahlreiche interessante Szenarien aus dem System M, die in den Überschriften wie Polit-Possen anklingen: „Ideenleasing im CDU-Themenpark: Merkels Ankündigungsdemokratie“, „Erlkönigin auf der Rüttelstrecke: Testfahrerin Angela im Themenpark der CDU“, „Nicht Sachpolitik, sondern Machtpolitik: Merkels Punktlandung in der parteilosen Mitte“, „Die Leitwölfin der Bindungslosen“, „Atomausstieg: Nebelbomben für das Volk“, „Lautlose Sprengungen im Wertesystem“, „Merkels Geheimnis – Windsbraut oder Windmaschine?“, „Das System M präsentiert: Die unsinkbare Kanzlerin“. In Wahrheit handelt es sich um ernsthafte Beeinträchtigungen unserer demokratischen Verhältnisse, nach Höhler um die „Demokratie im Stresstest“ (S. 233 ff.), die es vor Zerfallserscheinungen zu bewahren gilt.

Am Schluss sagt Gertrud Höhler lediglich: Wir können wählen – zwischen zwei Folgerungen aus Deutschlands Geschichte: der „Selbstermächtigung der deutschen Politik“ (Merkel) und einer „Freiheitmelodie“ (Gauck), die sie seit der letzten Präsidentenwahl übertönt (S. 273). Höhler hat das Buch geschrieben – „für alle, die die Faust noch in der Tasche haben“. Das sollten m. E. zuallererst die getäuschten und enttäuschten CDU-Anhänger, CDU-Politiker, CDU-Mitglieder, CDU-Wähler sein und gleichfalls die SPD- und FDP-Politiker, die das System M mitgetragen haben und auch noch seine Ausbreitung in der zweiten sowie dritten Legislaturperiode ermöglichen – sie sollten zu naheliegenden Konsequenzen motiviert werden und dazu, die Faust aus der Tasche nehmen. Die Oppositionellen und Anti-Merkel-Wähler, die die Fäuste strecken, aus Resignation senken oder vor Ohnmacht in der Tasche behalten, können sich durch Höhlers rückhaltlose, feinmaschige Auklärung und überzeugende Deutung ermutigt fühlen und noch gezielter gegen das System M opponieren. Die Politiker als solche, gleich welcher Farbe und unabhängig vom nächsten Wahlausgang, sollten sich aufgrund der Erkenntnisse einer Koalition unter oder mit Merkel verweigern wie der einstige SPD-Kanzlerkandidat Steinbrück; als Alternative gäbe es z. B. Ursula von der Leyen. Die Wähler und Bürger überhaupt, nicht zuletzt die „wertebesoffenen Westler von gestern“ (S. 269) sollten zahlreich zur nächsten Wahl gehen und das Demokratie aushöhlende „System Merkel“ mehrheitlich abwählen. Das wäre der schönste Erfolg, den dieses allen empfehlenswerte Buch, das spannende Enthüllungen und ein Spracherlebnis verheißt, meines Erachtens immer noch haben könnte. https://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=yzWIFPjet4U (Video: Höhler bei der Vorstellung ihres Buches)


Juli Zeh: NULLZEIT (2. Auflage Frankfurt/M. 2012)                                                                    Rezension vom 12.10.2012                                                         
Juli Zeh, mehrfach preisgekrönte Schriftstellerin, ist mit ihrem neuen Roman „Nullzeit“ ein brillanter Psychothriller gelungen, der die Leser unter ständigem Perspektivwechsel in neue Erwartungsspannungen versetzt und immer wieder in Überraschungen bis zum Schluss stürzt. Dazu lässt die einfallsreiche Autorin ihre mörderische Geschichte mit den skurrilen Figuren im abgelegenen Urlaubsparadies auf Lanzarote und im ungewohnten Tauchermilieu spielen.

Sven hat nach dem juristischen Staatsexamen Deutschland verlassen, um aus einer Gesellschaft auszusteigen, in der ihn das ewige Ein- und Abschätzen sowie Be- und Verurteilen von Allem und Jedem bis zum Geht-nicht-mehr anwidert. So sieht er sein Heil in der Abgeschiedenheit der Vulkaninsel, wo er mit seiner Jugendfreundin Antje eine florierende Tauchschule aufbaut und sich eine neue Welt schafft nach dem Motto: Aus Allem raushalten! Keine Einmischung in fremde Probleme! Das Meeresterrain beim Tauchen bietet dafür mit seiner evolutionär anmutenden Fauna und Flora – stumm und friedlich – das passende Umfeld.

Da brechen Jola, eine exaltierte Soap-Schauspielerin, und ihr Lebensgefährte Theo, abgetakelter Romancier, in Svens Idylle ein und bringen den Krieg, den er aus seinem Aussteigerleben ein für alle Mal verbannen wollte, in seine paradiesische Welt. Aus einem harmlosen Flirt zwischen Jola und Sven entwickelt sich eine verhängnisvolle Dreiecksbeziehung, die alle Fesseln sprengt und die Regeln des menschlichen Zusammenlebens außer Kraft setzt: Wahrheit und Lüge werden verwirrend durcheinander gewirbelt, Täter und Opfer tauschen ihre Plätze, Sven wird vom Zeugen zum Mitschuldigen. Eigentlich ist Jola mit Theo auf die Insel gekommen, weil sie sich auf ihre nächste Filmrolle als Tauchpionierin Lotte Hass vorbereiten und im Tauchen ausbilden lassen will. Aber im Grunde ist dieser Urlaub die letzte Chance für sie, sich aus ihrer selbstzerstörerischen Beziehung zwischen Hassliebe, Gewalt und gegenseitiger Abhängigkeit zu retten. Am Ende findet sich Swen als Teil eines mörderischen Spiels vor, bei dem er von vornherein keine wahre Chance auf eine glückliche Zukunft hatte. Jedoch erfährt er eine Läuterung, insofern er sich spontan einmischt und Theo selbstlos aus höchster Lebensgefahr errettet und „raushalten“ nun für ein hässliches Wort hält. 

Nullzeit ist der Taucherfachbegriff für den Dekompressionszwischenstopp, nämlich die Zeitspanne unter Wasser für ein ungefährliches Auftauchen. Im Roman geht es um die Nullzeit zwischenmenschlicher Beziehung: höchste Annäherung eines Menschen an einen anderen ohne Umkehrung ihrer Lebensläufe, wobei Juli Zeh eindrucksvoll in die Abgründe des Daseins und die Tiefen der Seele leuchtet. Das tut sie in einer eingängigen Sprache und mit schönen Metaphern wie „Das Jetzt und Hier nahm mir den Atem wie eine Last von 1000 bar…Möglicherweise ist Faszination das, was übrig bleibt, wenn man nicht weiß, was man fühlen soll…Nichts sei korrupter als die menschliche Erinnerung.“ Das Leben funktioniert nicht wie ein Kriminalroman und das vorliegende Werk eignet sich weniger für oberflächliche Krimileser, aber für alle, die anspruchsvoll unterhalten werden wollen.  http://www.youtube.com/watch?v=3bHVCAUVoYM (Video: Interview mit Juli Zeh zu "Nullzeit")


Volkmar Herkner (Hg.): Aus dem Nebel der Geschichte – Ein berufspädagogisches Schauspiel (Paderborn 2011)
Rezension vom 08.11.2011 

Das vorliegende Schauspiel ist an der Universität Flensburg in der Seminarveranstaltung „Kultur und Berufspädagogik“ entstanden und zeugt von einer ungewöhnlichen Kreativität der Lehrenden und Studierenden. So erweist es sich als bemerkenswerte Idee, das deutsche Duale System der Berufsausbildung in seiner Entwicklung und Veränderungsmöglichkeit, mit seinen Vor- und Nachteilen als Theaterstück in Form eines Gerichtsprozesses darzustellen und im Rahmen einer szenischen Lesung vor einem Publikum aufzuführen. Mit diesem hochschuldidaktischen Ansatz, Fachkompetenz in größtmöglicher Gestaltungsfreiheit umzusetzen, bewiesen die Akteure Mut und großen Einfallsreichtum und können so mit ihrer fachlichen Examensvorbereitung einem größeren Leserkreis ein zentrales Thema beruflicher Bildung anschaulich erschließen. 

Und zwar wird das Duale System deutscher Berufsausbildung wegen mehrfacher Gesetzesverstöße in einem Jahrhundertprozess vor Gericht angeklagt. Es soll gegen die Grundgesetzartikel zur freien Entfaltung der Persönlichkeit, Gleichberechtigung von Männern und Frauen, zum Benachteiligungsverbot, zur staatlichen Aufsicht des Schulwesens, zur Freiheit der Berufswahl, des Arbeitsplatzes und der Ausbildungsstätte, aber ebenfalls gegen die Paragrafen 1 und 2 des Berufsbildungsgesetzes betreffs beruflicher Qualifizierung und Lernorte verstoßen haben. Während der Staatsanwalt die Anklage mit den Hauptsystemmängeln fachmännisch begründet, preist der Verteidiger das Duale System eher plakativ mit Attributen wie evolutionär, einzigartig, demokratisch, gerecht, modern, leistungsstark, innovativ als beispielloses Erfolgsmodell. Mit einer illustren Zeugenreihe wird eine amüsante, vielseitige, zugleich treffende Beweisaufnahme durchgeführt: Da wird als Erster Adam Smith als Begründer der klassischen, auf Nützlichkeit ausgerichteten Volkswirtschaftslehre vernommen. Als Kontrahent folgt Jean-Jacques Rousseau, der leidenschaftlich für die freie Entfaltung des Menschen ficht. August Bebel, der vom Drechsler-Gesellen zum Parteivorstand und Arbeiterführer aufgestiegen ist und somit das duale Ausbildungssystem persönlich erfahren hat, wird ebenfalls zum Wert von Ausbildung und Berufsschule von Staatsanwalt und Verteidiger vernommen. Als nächster Zeuge ist Georg Kerschensteiner vorgeladen, der als „Vater der Berufsschule“ gilt und durch handlungsorientierte Berufsbildung den brauchbaren Menschen erziehen will, der mit Tugenden der Anpassung fügsam dem Obrigkeitsstaat dienen soll. Ein Loblied auf das duale Ausbildungssystem mit seiner Verbindung von Theorie und Praxis und wohltuenden Unterordnungsfunktion, wobei die Berufsschule allerdings nicht so wichtig sei, singt auch der Zeuge Prof. Dr. Erwin Krause, langjähriger Leiter der „Arbeitsstelle für Betriebliche Berufsausbildung“ (ABB) und einst der nationalsozialistischen Ideologie treu ergeben. Witzig ist, dass diese Zeugen bei der Personeneinvernahme gleich ihr Sterbedatum angeben, wodurch die Entwicklungsgeschichte unterstrichen wird. 

Sodann wird der Angeklagte, das Duale System (als körperlose Stimme symbolisiert), im Zeugenstand vernommen. Es läuft im Wesentlichen auf eine Rechtfertigung der sinnvollen Facharbeiterausbildung für einen Großteil der Heranwachsenden mit der Ermöglichung eines Hochschulzuganges hinaus, während für die Negativauswüchse zur Benachteiligung der Schwächeren in Warteschleifen und Übergangssystemen der Kompetenzmangel der Schulabgänger, also die Defizite der allgemeinen Schulen (s. PISA-Studien) verantwortlich gemacht werden. Statt der Akzeptanz einer Kernreform wird das Berufsbildungsreformgesetz von 2005 mit Optionen der Weiterentwicklung ins Feld geführt. Als Zeugen der Gegenwart treten noch Arbeitgeber und Ausbilder auf und beklagen den angeblich Produktivität mindernden Berufsschulunterricht, indes müssen sie auf Befragung zugeben, dass eine Berufsausbildung Aufstiegschancen schafft. Die Gewerkschaftssekretärin der IG Metall tritt als Zeugin der Anklage auf, weil das System der dualen Berufsausbildung heute nicht mehr funktioniert, insofern die Arbeitgeber zu wenige Ausbildungsplätze anbieten, aber die alternativen schulischen Ausbildungen zu wenig anerkennen – trotz Mitspracherecht der Gewerkschaften als Sozialpartner. Als Zeuge gegen das Duale System sagt gleichfalls ein Lehrer aus, weil es ein Auslese-System ist und die Nichtausgebildeten gesellschaftlich benachteiligt. Außerdem kritisiert er die Unterrepräsentation der Berufsschule und die Nichtanerkennung der schulischen Leistungen durch die IHK, obwohl die Berufsschule eine Kompensationsfunktion für die Betriebe und gesamte Gesellschaft einnimmt. Einen Höhepunkt stellt der Zeugenauftritt des idealtypischen Auszubildenden (im 3. Ausbildungsjahr) dar. Dieser – (als einfallsreicher Gag) scharf auf das Zeugengeld – schildert anschaulich und realistisch, wie sich in einer funktionierenden dualen Ausbildung beim Konstruieren und Fertigen von Toren die Lernorte Betrieb und Berufsschule zum Nutzen aller Beteiligten sinnvoll ergänzen. Der Zeuge Mustafa Ökmen, 1991 in Gelsenkirchen geboren, mit 18 Jahren die Hauptschule abgeschlossen, hat infolge seines Migrationshintergrundes vergeblich an die 100 Bewerbungen geschrieben, um eine Ausbildungsstelle zu ergattern, und illustriert die Grenzen und Fragwürdigkeiten des Dualen Systems. Schließlich bietet die Verteidigung noch Prof. Dr. Gerald Heidegger als Sachverständigen auf, der zur Leistungsfähigkeit des Berufsausbildungssystems befragt wird und auf Unsicherheiten bei den gesellschaftlichen Messgrößen, etwa in Bezug auf die Persönlichkeitsentwicklung, verweist, sodass er letztlich einen Misserfolg nicht ausschließen kann. Indes tritt er für eine Kombination von Maßnahmen zur Reform des Dualen Systems ein bis hin zur Stärkung schulischer Ausbildungen. In seinem Abschlussplädoyer klagt der Staatsanwalt das Duale System als Einrichtung von gestern an, das Ungerechtigkeit am laufenden Band produziert, zu wenig zur Entwicklung eines mündigen Menschen beiträgt und nicht den Anforderungen von morgen genügt. Demgegenüber beruft sich der Verteidiger auf Tradition und gesellschaftliche Akzeptanz und zieht den Schlüsselbegriff „Qualitative Mindeststandards“ als Ass aus dem Ärmel, womit er den staatlich anerkannten Facharbeiter-Abschluss meint, der das Rückgrat der deutschen Wirtschaft bildet und in der ganzen Welt als Synonym für höchste Qualität gesehen wird. Am Ende sprechen sich die Geschworenen bis auf zwei Ausnahmen für eine uneingeschränkte Unterstützung des Dualen Systems aus und der Richter verkündet den Freispruch in sämtlichen Anklagepunkten. 

Mit dem Urteil der Geschworenen muss man nicht einverstanden sein. Doch hat der Prozess Licht ins Dunkel der Berufsbildungsproblematik und Klarheit in die Positionen der berufsbildungspolitischen Akteure gebracht. Der Nebel der Geschichte (und der Dunst vor dem Gerichtssaal) hat sich gelichtet und der Gerichtsreporter sinniert darüber, dass das letzte Wort in dieser Angelegenheit noch nicht gesprochen ist und die Verlierer in die Revision gehen könnten. Die Leser oder Zuhörer dürfen sich darüber Gedanken machen, was Wahrheit ist, wie Recht und Gerechtigkeit aufeinandertreffen und ob das Urteil für die Zukunft bestehen kann. Diese inhaltliche Bestandsaufnahme – im Stück facettenreich ausgestaltet und ironisch zugespitzt – verdeutlicht die Perspektivenvielfalt und Mehrschichtigkeit der behandelten Thematik und verweist auf den großen Adressatenkreis der von der Berufsausbildungsfrage mittelbar und direkt Betroffenen, für die das Schauspiel wichtig und interessant dürfte: Ausbildungsaspiranten, Auszubildende, Ausgebildete, Ausbilder, Unternehmer, Gewerkschafter, Lehrer/-innen, Hochschulrepräsentanten, Bildungspolitiker, engagierte Bürger. Darüber hinaus spricht es mit seiner Originalität besonders Studierende, Referendare, in der Lehrerausbildung Tätige an.


Peter Glotz: Die beschleunigte Gesellschaft – Kulturkämpfe im digitalen Kapitalismus (Hamburg 1999)
Rezension vom 22.09.2011

Noch ist die reale Welt – in Europa stärker als in den USA – durchaus vom überlieferten Industrialismus geprägt, während Digitalisierung und Globalisierung, neue Technologien, Vernetzung, Flexibilisierung, Beschleunigung bereits zu einer Verschärfung des Tempos der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Prozesse führen und eine grundlegende Veränderung der Marktwirtschaft einleiten. An dieser Übergangsschwelle ist der aufziehende „digitale Kapitalismus“ als Zukunftsszenario zu sehen, das Peter Glotz mit vier treffenden Grundtendenzen für die von der modernen Informationstechnik durchdrungene Ökonomie charakterisiert. 

Und zwar ist die eine Grundströmung als „Dematerialisierung“ zu kennzeichnen: Die informationstechnische Industrie beeinflusst inzwischen als größte Industriebranche der Welt in zunehmendem Maße die Gesellschaft, insofern die wirtschaftliche Tätigkeit statt von der Verwertung von Bodenschätzen, Stoffumwandlungsprozessen und Energie vorrangig von der Informationsverarbeitung getragen wird, sodass sich die hardware-orientierte Industriegesellschaft im Zuge weiterer Miniaturisierung in der Mikroelektronik zur software-bestimmten telematischen Gesellschaft wandelt.

Als wichtigste Grundtendenz der digitalen Gesellschaft erweist sich die „Beschleunigung“: Die Zeitorganisation ist das wichtigste Indiz der Medienwende und Informationswirtschaft. Ein ungeheuerer Geschwindigkeitsimpuls steckt im „Time-Based-Management“, „Simultaneous-Engeneering“, in der Verkürzung der Entwicklungs- und Marktpräsenzzeiten, der Lebenszyklen der Produkte.

Die dritte Grundströmung des digitalen Kapitalismus besteht in der „Dezentralisierung“: An die Stelle des zentralisierten Mediums nach dem hierarchisierten Modell wie dem Computer in Rechenzentren ist der Personal-Computer (PC) als digitaler Integrator der Einzelmedien getreten. Bisherige Insellösungen werden aufgrund von Rückkopplungen durch Vernetzungen ersetzt, sodass Komplexitätsgrenzen für zentrale Steuerung durch dezentrale Entscheidungen und flachere Hierarchien überwunden werden.

Als vierte Grunderscheinung der digitalen Welt benennt Glotz schließlich die „Globalisierung“: Internationale Konkurrenz durch Global Players erodiert die tradierten Wirtschaftsformen; die Macht der Nationalstaaten, die ökonomische und sozio-politische Entwicklung zu steuern, schwindet immer mehr wie z. B. der Verlust der nationalen Zinshoheit. Ob eine internationale Politik zu „Transnationalstaaten“ führt, ist offen; die vorhandene „Global Governance“ ist noch zu dürftig, um die Weltfinanzströme demokratisch zu kontrollieren. Die Kulturdominanz Europas geht zur Neige, kollektive Lebensmuster verlieren ihre Verbindlichkeit, die Individualisierung wächst. Die gehemmte, lokal und regional beschränkte Kommunikation wird entgrenzt und eröffnet die Chance, dass die große Zahl der international vernetzten und potenziell freien Kommunikatoren eine neue, übergreifende Verständigung hervorbringt. 

Dieses Szenario erscheint aufgrund gegenwärtiger Erfahrungen realistisch und nachvollziehbar, hinsichtlich der Konsequenzen, die Glotz ableitet, ist jedoch Skepsis geboten. Er meint, so ungebremst und wenig gesteuert wie bislang läuft die durch die Digitalisierung angestoßene Entwicklung unweigerlich auf eine neue Spaltung der Gesellschaft hinaus: nämlich zu einer Elite, die das hohe Tempo der Veränderung bewusst mitmacht, und zu einer Unterschicht von Verweigerern und Aussteigern, die sich nicht anpassen können und wollen. Die Tendenz geht dahin, dass der Schnelle den Langsamen frisst, dass Kulturkämpfe um die richtige Lebensweise entbrennen, indem die Besonnenen aufbegehren, die Debatte um Beschleunigung und Entschleunigung aufnehmen und sich zu Ökologen erklären. Immerhin gesteht Glotz zu, dass sich dieser „Schaltplan unserer Gesellschaft“ noch ändern lässt, damit wir nicht durch die Kulturindustrie verblöden und uns durch die andauernde Beschleunigung völlig entfremden. Allerdings setzt Glotz dabei m. E. zu optimistisch auf die Gestaltungskraft und Moral des Homo connectus und des Homo oeconomicus in der jungen Generation, die die Zeichen der Zeit eher begreife. Wohin uns die jetzige Elite von Topmanagern und Spitzenpolitikern gebracht hat, erleben wir gerade in der gegenwärtigen Finanz- und Wirtschaftskrisensituation. Der Verlauf seit Erscheinen des Buches vor einem Jahrzehnt bestätigt die Evidenz der von Glotz auf empirischer Basis vorgenommenen Analyse. Das Werk verheißt immer noch sinnvollen Erkenntnisgewinn über unsere Welt im digitalen Zeitalter und kann jedem aufgeschlossenen Zeitgenossen, insbesondere solchen mit erhöhter gesellschaftlich-politischer Verantwortung zur Lektüre empfohlen werden. 


Hilka Otte: Prozeduren sozialen Verhaltens – Wie unbewusste Regeln unsere Beziehungen gestalten und behindern (Paderborn 2005)   Rezension vom 29.07.2011 

Der Haupttitel verweist darauf, dass es in dem Buch um Sozial- und Verhaltenswissenschaft geht und insofern in erster Linie Adressaten angesprochen werden, die sich professionell mit der intensiven Kommunikation zwischen Menschen befassen wie Psychotherapeuten, Sozialpädagogen, Verhaltenstrainer, Lehrer. Für sie dürfte interessant und aufschlussreich sein, dass Hilka Otte einen integrativen bzw. interaktionellen Ansatz vertritt, wie er in der modernen Verhaltenstherapie und Tiefenpsychologie Verbreitung findet und inzwischen für das sozial- und erziehungswissenschaftliche Feld charakteristisch ist. So stellt die Autorin interaktionelle Verfahrensweisen als soziale Mega-Prozeduren, interaktive Basis-Prozeduren, typische Narrationen (Muster der erzählenden Selbstdeutung), Konfliktstrukturen und Entscheidungsprozeduren im Kontext neuerer Ergebnisse der Bindungs-, Beziehungs- und Gedächtnisforschung vor. Dies verknüpft sie zudem unkonventionell u. a. mit der Biografieforschung, praktischen Psychotherapie, Gesprächs- und Erzähltheorie.

Daraus ergibt sich, was der Untertitel des Buches signalisiert und was für einen größeren Leserkreis von Bedeutung und Interesse sein dürfte, nämlich zu erkennen und sich klar zu machen, wie unsere alltäglichen Beziehungen funktionieren oder nicht, indem unbewusste Regeln unser Verhalten steuern, fördern und behindern. In dem Sinne dürfen wir beispielsweise hinter die Kulissen von Flirten, Werben und Small Talk schauen, Strategien des Konfliktverstehens und -vernebelns sowie der Rechtfertigung kennenlernen, die Schwierigkeiten des Nein-Sagens durchschauen, Einsichten in die Kunst des Bittens und Dankens, der gelungenen und missratenen Gesprächsführung, des stimmigen Erzählens gewinnen. Daher eignet sich das Buch dazu, die Verständigung in unserer Lebenswelt auf der Beziehungs- und damit auch Inhaltsebene zu verbessern und den täglichen Umgang mit unseren Mitmenschen zu optimieren, zumal zentrale Begriffe in einschlägigen Anmerkungen erläutert sind.  


Wolf-Dietrich Greinert: Realistische Bildung in Deutschand - ihre Geschichte und ihre aktuelle Bedeutung (Hohengehren 2003)        Rezension vom 24.07.2011

In seinem Buch liefert Greinert eine interessante Untersuchung der Soziogenese oder gesellschaftlichen Entwicklung von allgemeiner und beruflicher Bildung, insofern er die deutsche Bildungsgeschichte unkonventionell, nämlich konsequent aus berufspädagogischer Perspektive aufzeigt. Als realistische Bildung bezeichnet Greinert ein Lern- und Qualifikationskonzept, das die Menschen befähigt, Lebenssituationen zu bewältigen und das (im Gegensatz zum neuhumanistischen Bildungsideal) vor allem im Umfeld der Berufsarbeit. Denn gerade dies ist die Stelle, wo für die Mehrheit der Bürger auch heute noch individuelles Handeln in gesellschaftliche und politische Dimensionen hinein reicht. Und da die maßgebliche Weichenstellung zur Eingliederung in die hierarchisch geordnete Berufswelt in der Sekundarstufe II des Bildungswesens erfolgt, bildet die Struktur und Veränderung dieser Schulstufe den Mittelpunkt von Greinerts Analyse.

Infolge der Bildungsexpansion ab Mitte der 1969er Jahre sind etliche Reforminitiativen zur Anpassung des Berufsbildungssystems an zeitgemäße Verhältnisse wie die Neuordnung und Neuschaffung von Ausbildungsberufen ergriffen worden. Allerdings haben die Reformmaßnahmen – vor allem die Einrichtung von Fachhochschulen, Berufsakademien, Fachoberschulen, die Novellierung des Berufsbildungsgesetzes, die Ausbildereignungsverordnung, das Arbeitsplatzförderungsgesetz oder der Ausbau überbetrieblicher Ausbildungsstätten – die Bildungschancen der Unterprivilegierten und Benachteiligten im Vergleich zum gymnasialen Bildungsweg nicht grundlegend verbessert und den Durchbruch der realistischen Bildung ermöglicht. Als spektakuläre „Reformruinen“ führt Greinert den Zweiten Bildungsweg, die Gesamtschule und das Berufsgrundbildungsjahr auf und selbst mit mächtigem Aufwand inszenierte Reformvorhaben wie den Kollegstufenversuch in Nordrhein-Westfalen und die Errichtung der Berliner Oberstufenzentren reiht er in die Negativbilanz ein.

Als Modernisierungshindernis sieht Greinert hauptsächlich die rechtlich-organisatorische Verfassung unseres Schul- und Hochschulwesens an, weshalb er für eine Systemveränderung eintritt: nämlich die „Verlagerung  der Bildungs- und Wissenschaftsproduktion vom staatlich-hoheitlichen in den gesellschaftlich-marktorientierten Raum“. Schulen und Hochschulen sollen als „vollwertige Rechtspersonen“ selbstständig werden, damit die Fachleute vor Ort kompetent entscheiden können, um den Qualifikationsanforderungen der dritten industriellen Revolution und den akuten Bildungsansprüchen der Bürger durch eine gleichwertige Alternative des Lernens zum gymnasial-akademischen Bildungsgang zu genügen. Indes soll der Staat mit seiner herausgehobenen Machtposition als Gestalter und Garant der erforderlichen Rahmenbedingungen für das neuartige marktorientierte Bildungs- und Wissenschaftssystem fungieren. Das heißt, nach dem föderalen Prinzip der Bundesrepublik hätten die Länder und Kommunen sich auf Aufsichts- und Ordnungsfunktionen für ein dezentrales, eigenverantwortlich arbeitendes Schul- und Hochschulsystem zurückzuziehen und die Finanzierung der pädagogischen und wissenschaftlichen Einrichtungen nach rechts- und sozialstaatlichen Grundsätzen zu gewährleisten.

In meinem Diskussionsbeitrag zu diesem Modell in der „Zeitschrift für Berufs- und Wirtschaftspädagogik (ZBW)“ 4/2004, S. 591-604 habe ich aufgrund meiner Berufs- und Reformerfahrungen als Berufsschullehrer darauf hingewiesen, dass die Devise nicht zwingend lautet: Marktchancen statt Staatsversagen.  Sondern es besteht gleichfalls die Möglichkeit des Marktversagens, denn im freieren Spiel der Kräfte, Mächte, Interessen auf dem lediglich staatlich kontrollierten Bildungsmarkt bzw. im staatlich geordneten Marktsystem müssen nicht tatsächlich die positiven Erwartungen hinsichtlich einer gerechteren Bildung für alle eintreten. Das Bildungswesen besitzt als gesellschaftliches Subsystem nur eine relative Autonomie, sodass hier Auswirkungen des Sozial- und Wirtschaftssystems durchschlagen wie z. B. der Um- und Rückbau des Sozialstaates oder monopolkapitalistische Tendenzen der Globalisierung. Da ist die Gefahr nicht auszuschließen, dass Humanität und Solidarität doch von den Verwertungsinteressen dominiert werden und Bildung dem Prinzip der Gewinnmaximierung unterliegt. Nach Wolfgang Lempert (in: ZBW 4/2003, S. 618) kommt es auf Folgendes an: Verantwortliches Handeln in Staat, Wirtschaft, Gesellschaft beruht auf moralischer Kompetenz, Sensibilität und Disziplin als Garant des Gemeinnutzens. Wenn Moral, Gerechtigkeitsempfinden, Rechtsbewusstsein, soziales Engagement nachhaltig unser Denken und Handeln leiten würden, dann liefe bereits unser vorhandenes Bildungs- und Berufsbildungssystem sehr viel besser und ließe sich optimieren. In diesem Sinne könnten alle in der Bildung und Ausbildung Tätigen sowie dafür Verantwortlichen durch die Lektüre von Greinerts Werk zu wichtigen Erkenntnissen gelangen und zu persönlichen Konsequenzen motiviert werden.


Margarete Friebe: Das Sonnenbewusstsein – Der Aufstieg des ICH von Alpha bis Omega
Rezension vom 20.07.2011


Die 75-jährige Margarete Friebe, Gründerin der Schweizerischen Friedensstiftung „International White Cross“, Kämpferin für Freiheit, Humanität und Toleranz forscht, schreibt, lehrt und referiert seit vielen Jahren über die ganzheitliche Bildung von Körper, Geist und Seele, um ethisches Denken und Handeln zur Verbesserung der Welt und zum Wohl von Mitmenschen und Natur zu fördern. Der Kern ihres tiefenpsychologischen Wirkens ist das Eintreten für ein ganzheitliches Bewusstsein, für die Einheit von materiellem und geistig-seelischem Sein, für eine Gesellschaft, in der innere Werte und Herzensbildung, Güte, Menschlichkeit, Nächstenliebe, Demut, Ehrfurcht, Achtung, Duldsamkeit ins Zentrum rücken.

Dieses Anliegen bringt sie uns – repräsentativ für ihr Gesamtwerk – m. E. besonders eindrucksvoll und aufschlussreich in ihrem Buch „Das Sonnenbewusstsein: Der Aufstieg des ICH von Alpha bis Omega“ nahe. In einer eindringlichen, metaphorischen Sprache schildert sie, wie wir Menschen in unserer modernen Realität, in der vor allem das Äußere und Messbare zählen und in der wir vor Reizüberflutung in Hektik und Rastlosigkeit versinken, die verzehrende Macht des Egoismus überwinden müssen und wie wir zu unserem eigentlichen Wesen und Ziel unseres Lebens vordringen können. Dieses gipfelt im Sonnen- oder Christus-Bewusstsein, denn die Christus-Flamme steckt in jedem Menschen, in jeder Persönlichkeit als Ausdruck der inkarnierten, individualisierten Gottheit in uns. Dort will uns Margarete Friebe stufenweise und logisch, über die konzentrierte Meditation und Erkenntnis durch die sieben hermeneutischen Prinzipien hinführen, wobei jeder seinen individuellen Weg in Freiheit gehen soll. Dazu muss sich jeder selbst lieben und führen können – damit man nicht um die Akzeptanz und Gunst der Anderen buhlen muss -, selbst denken, entscheiden und die Selbstverantwortung für sich selbst und die Gottheit in uns übernehmen.

So sei  Margarete Friebes Buch die Versuchung wert, sich darauf einzulassen.


http://www.lovelybooks.de/mitglied/dietrich_pukas/rezensionen/ (lovely books) http://www.lovelybooks.de/autor/Dietrich-Pukas/

http://www.amazon.de/gp/cdp/member-reviews/A1R676PHYOPCJ8/ref=cm_pdp_rev_all?ie=UTF8&sort_by=MostRecentReview (Amazon)                      


http://www.youtube.com/watch?v=qrS-_LyFLf4 (Interview: Gertrud Höhler);        https://www.youtube.com/watch?v=yyS7jqtcAto&feature=player_embedded (Im Dialog: G. Höhler über die "Patin");                                                                                                    http://www.facebook.com/deborahsasson (Deborah Sasson auf facebook);       https://www.facebook.com/pages/Carla-Berling/413540005348534 (Carla Berling auf facebook);

Neuer Absatz