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I. 6. IdeenExpo 2017 in Hannover - Krönung der Erfolgsgeschichte für die MINT-Berufe

In Anknüpfung an meinen ausführlichen Kommentar von 2015 und Bezugnahme auf meine Kommentare seit 2011 zu den IdeenExpos in Hannover kann ich angesichts der 6. IdeenExpo, die vom 10. – 18.06.2017 in bewährter Form auf dem Messegelände in Hannover stattgefunden hat, befriedigt feststellen, dass sie meine gehegten Erwartungen an eine erfolgreiche Fortführung voll erfüllt hat. Das gilt sowohl für die angemessene Übernahme der geeigneten Elemente und Themenbereiche der vorangegangenen Expo-Events als auch die sinnvolle Erweiterung des Bisherigen, was  schließlich den steten Zuwachsraten an inzwischen über 350 000 Besuchern, 250 Ausstellern, mehr als 600 Mitmach-Exponaten, 650 Workshops zugute kommt.   

So erfreuten sich wieder Info-Stände, Vorträge, Wettbewerbe, Live-Experimente, Mitmach-Aktionen, Probier-Veranstaltungen, Karriere-Bühne im Club Zukunft, Produktions-Kosmos, Mobilitäts-Parcours, AgriFoodPark, Energiefeld, Lebensraum-Areal, Media-Lab, Girls-MINT-Camp, Game-Square, in den Digitalen Welten, Kreativ-Inseln, in der Life-Science-Area, Mobilitäts-Arena eines großen Zuspruchs und Zustroms. Im neuen Bereich Meere & Ozeane konnte man eine Virtual Reality Unterwasserreise in einem gigantischen Aquarium unternehmen und im Exzellenzcluster „Rebirth“ der MHH die regenerative Medizin der Zukunft hautnah erleben. Das Ganze umgab wiederum ein beliebtes Rahmenprogramm mit spektakulären Publikumsspielen, Wissenschaftsshows zur Digitalisierung „Wissen LIFE“ von bekannten TV-Moderatoren wie Ranga Yogeshwar sowie Open-Air-Konzerten renommierter  Künstler und Musikgruppen.


Der Themenbereich „Technik und Mobilität“ übte  wie stets eine große Anziehungskraft aus und spielte im Angebot eine vielfältige Rolle: Neben den stark frequentierten Fahrsimulationen in Auto, Flugzeug, Maschinen konnte man diesmal noch seine Geschicklichkeit  auf dem Parcours mit E-Boards testen. Mehrere Hochschulen warben für ihr praxisorientiertes Technik-Studium mit selbst konstruierten und gebauten Rennwagen wie z. B. die Universität Magdeburg. Als hervorragender Partner der Ideenexpo erwies sich wieder VW mit seiner Auto-Uni, die sich mit der virtuellen Darstellung von Logistik- und Produktionsabläufen beschäftigt, sowie Projekten seiner Autostadt zur Mobilität und Nachhaltigkeit. Zum Beispiel im Wettbewerb „Druck-Zuck“ konnten Besucher/-innen in Vierer-Teams einen Miniatur-Rennwagen in einem Zeitrahmen von 90 Min. bauen, wobei sie als zentrales Bauteil ein Zahnrad am Computer konstruierten und in 3D-Drucktechnik selbst herstellten. Die Präzision der Arbeit bestimmte die Schnelligkeit der Fahrzeuge, die auf einer Rennstrecke getestet wurde. Die Hochschule Hannover führte wiederum vor, wie Studenten einen 3D-Drucker konstruierten, mit dem sich Teile für Modell-Rennautos produzieren lassen. Die ZF Friedrichshafen AG, ebenfalls seit der 1. IdeenExpo dabei, bot ca. 130 ihrer Auszubildenden und Dualstudierenden auf, um die interessierten Besucher in ihre Ausbildungs- und Produktionswelt einzuführen. Highlight auf dem Messestand war das Konzeptfahrzeug „Advanced Urban Vehicle“ mit innovativer Vorder- und Hinterachse für die selbsttätige Ansteuerung engster Parklücken, was man in einem Modellauto praktisch erkunden konnte. Außerdem konnten die Besucher an halb automatischen Montagestationen Mini-Stoßdämpfer montieren, die sie als Schlüsselanhänger mitnehmen durften. Oder sie konnten mit einem Mikrocontroller selbst eine Platine programmieren und damit zu Hause weiter experimentieren.


Getreu dem Motto der diesjährigen IdeenExpo „Mach doch einfach“  und dem adäquaten fast Flächen deckenden Angebot an Mitmach-Möglichkeiten herrschte in den Hallen nahezu überall ein emsiges Schaffen und Werkeln. Auffallend viele Mädchen und junge Frauen waren im Produktions-Kosmos eifrig damit beschäftigt, geschickt zu hämmern, Bleche zu schweifen, Drähte und dünne Rohre zu biegen, Metall- und Holzplatten zu sägen und zu bohren, Teile zusammenzupassen, zu fügen, zu löten, auf dem Freigelände bei der Meyer Werft gar zu schweißen und für sich dekorative Souvenirs herzustellen, die sie als Zeichen ihres handwerklichen Könnens stolz in ihrem Umfeld präsentieren wollten. Bei der Salzgitter AG wurden sie beispielsweise angeleitet, neben der üblichen Rose aus Stahl eine Handy-Halterung aus Stahl zu bauen. Darüber hinaus konnten die Schüler/-innen im Ziehversuch die Eigenschaften von Stahl kennenlernen und in einer „Miniatur-Industriewelt“ den Produktionsprozess vom Hochofen zum Walzwerk mitsamt Transporttechnik verfolgen. Die M+E-Industrie – NiedersachsenMetall gehört zu den Mitbegründern und aktivsten Förderern der IdeenExpo – im „TalentCamp“ den Gästen unter der fachkundigen Anleitung ihrer Azubis das Bedienen und Herstellen von Werkstücken auf echten Fertigungsmaschinen einschließlich realistischer Einblicke in die vernetzte Arbeitswelt der „Industrie 4.0“. Nicht zuletzt wurde im Rahmen des Schwerpunktes „Digitalisierung“ das Programmieren in vielfältigen Zusammenhängen und Anwendungen probiert und geübt.


Diese ausschnitthaften Eindrücke verdeutlichen, dass sich das Interesse an der IdeenExpo sowie an Naturwissenschaft und Technik bei den jungen Menschen merklich erhöht hat und bestätigen, was der Niedersächsische Ministerpräsident Weil in seiner Eröffnungsansprache verkündet hat: Die Zahl der Studierenden in den MINT-Fächern sei in den vergangenen 10 Jahren um 80 % auf 15 000 Studenten/-innen in Niedersachsen gestiegen. Da inzwischen bei uns mehr Frauen als Männer Abitur machen und studieren, ist es ein richtiger Ansatz, dass die IdeenExpo gemeinsam mit der Niedersächsischen Staatskanzlei mit dem „GirlsMINTCamp“ im „ClubZukunft“ sowie mit der Veranstaltung „Perspektiven in MINT-Berufen – Mädchen treffen weibliche Führungskräfte“ die Frauen in Bezug auf die Männer-Domäne MINT besonders fördert. So gab es geführte Scout-Touren nach dem Motto „Deine Tour – for girls only“, während überhaupt viele Schulen bzw. Lehrer/-innen fachkundige Führungen gebucht und absolviert haben. Letzteres lässt hoffen, dass die Ideenexpo im Unterricht sinnvoll vertieft, vor- und nachbereitet wird.

II. Zur Förderung der MINT-Berufe - 5. IdeenExpo für Naturwissenschaft und Technik 2015 in Hannover (31.08.2015) 

Über 350000 vornehmlich junge Menschen haben die 5. IdeenExpo für Naturwissenschaft und Technik vom 04.-12.07.2015 auf dem Messegelände und der Expo-Plaza in Hannover besucht. Auf der gewaltig erweiterten Ausstellungsfläche von 120000 m² in Messehallen und Freigelände waren rund 230 Aussteller, Unternehmen, Hochschulen, Schulen, Verbände, Bundeswehr und andere Institutionen mit 650 Exponaten und Workshops vertreten. Was ist von der Erfolgsgeschichte der IdeenExpo zu halten? Bietet sie ihrem Ziel entsprechend einen wirksamen Ansatz, um den anhaltenden Nachwuchsmangel in den MINT-Fächern zu reduzieren?

Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik (MINT-Fächer) stellen gegenwärtig weiterhin die umsorgten Fachgebiete dar, die für die Zukunft sehr wichtig sind, für die jedoch ein eklatanter Nachwuchsmangel herrscht. Schon seit einiger Zeit interessieren sich zu wenige junge Menschen für diese Fächer in der Schule und wählen sie auch nicht für ihr Studium, sodass in diesen zukunftsträchtigen Bereichen ein folgenschwerer Nachwuchsmangel droht. Bereits jetzt fehlen etliche Facharbeiter und Ingenieure, für Deutschland schätzt man einen Fehlbestand von 1,2 Mio. Fachkräften bis 2020. Vor allem bei den Mädchen und Frauen standen und stehen die MINT-Fächer nicht hoch im Kurs und der gesellschaftliche Wandel verdrängt hier nur langsam die althergebrachten Gewohnheiten und Gepflogenheiten. Deshalb war es auf der diesjährigen IdeenExpo wieder ein zentrales Thema, Mädchen und junge Frauen für Naturwissenschaften und Technik zu interessieren, wozu besonders das weibliche Geschlecht herangezogen, also Expertinnen aus dem männerdominierten MINT-Gebiet eingesetzt wurden.

So hat sich die Idee wiederum bewährt, an die einstige Begeisterung für die EXPO 2000 mit ihrem Motto „Mensch, Natur und Technik“ anzuknüpfen und auf dem hannoverschen Messe- und EXPO-Gelände eine Ideenshow der Naturwissenschaften und Technik einzurichten. Aus der Idee hat sich inzwischen Deutschlands spektakulärstes Naturwissenschafts- und Technikevent entwickelt. Das Technikspektakel im „größten Klassenzimmer Deutschlands“ lud zu zahlreichen Workshops zum Mitmachen, Ausprobieren, Diskutieren ein und sollte spielerisch das Interesse der Heranwachsenden für Technikthemen wecken sowie den Firmen und Institutionen bei der Nachwuchssuche helfen. Neben Info-Ständen, Vorträgen, Wettbewerben, Live-Experimenten aus den Bereichen unseres Alltags, in denen Naturwissenschaften und Technik zum Einsatz gelangen, gab es Bühnenprogramme mit Publikumsspielen, Wissenschaftsshows mit TV-Moderatoren wie Ranga Yogeshwar oder auch Open-Air-Konzerte bekannter Musikgruppen und Künstler. Zu den Highlights zählten der „Max Planck Science Tunnel“, der die Besucher die Technikwelt des 21. Jh. erleben ließ, oder die Aktion von VW, bei der Auszubildende mit Messebesuchern einen kompletten Golf zusammenbauten.

Vom Osteingang gelangte man zunächst auf die auf die ExpoPlaza, wo auf dem Freigelände ADAC, VW und die AUTOSTADT Wolfsburg, Bundeswehr, Continental AG, Hannover Airport, Polizeiinspektion, Hochschulen für angewandte Wissenschaften u. a. die Besucher in motivierender Aufmachung zum Thema „Mobilität“ mit interessanten Objekten, Informationen, Mitmachaktionen empfingen. Über die Exponale mit ihrer großen Freitreppe – hier befanden sich kulinarische Angebote in Ständen und Pavillons – erreichte man die 3 IdeenHallen (Messehallen 7, 8, 9), den Campus der Ideen im ConventionCenter sowie den „Platz der Ideen“ mit großer Showbühne, FunArea und zahlreichen Ausstellerständen, z. B. von VW, CLAAS, ExxonMobil, BA für Fluguntersuchung, LA für Geoinformation und Landesvermessung, Klimaschutz-Kochbus, M+E-Info-Truck, MEYER WERFT, MTU Maintenance, Üstra-Verkehrsbetriebe, Gebäudereiniger-Innung, Papierverarbeitungs-Verbände, NDR u. v. a. einschließlich Nahrungsangeboten.

Während sich in Halle 8 vor allem die MeetingPoints und Schulanmeldungen für Scout-Touren befanden, bildeten die beiden Ideenhallen links und rechts das Herzstück der Expo. In Halle 7 wurden präsentiert: „Science Tunnel, E-Mobilitäts Park, Sinnes Parcours, SportFactory, Recycling Werkstatt, KreativInsel, Smart Home, MediaLab, Interactive Sky, BühneSieben“. Auf dem Ideenpfad konnte man jeweils vom InfoPoint am Eingang aus das Dargebotene systematisch und konsequent oder spontan und Interessen geleitet erkunden und gleichfalls die Haupthalle 9 erschließen.

In dieser Ideenhalle nahm den größten Platz der „ProduktionsKosmos“ ein, flankiert von der „LifeScienceArea“, „MobilitätsArena“ und dem „EnergieFeld“. Den großzügigen Eingangsbereich mit InfoPoint umgab der „Lebensraum“ als vielfältiges Ausstellungsangebot, „KarriereBühne“ und „ClubZukunft“ schlossen sich an. Mehrere „KreativInseln“ forderten zu Aktionen heraus, eine „GreenLounge“ diente der Entspannung, „LehrerLounge“, Pressestand und Restaurant komplettierten das Ausstellungsgelände (moderne Ausdrucks- und Schreibweise zur Animation).

Der „ClubZukunft“ diente als wichtiges Berufeforum und zentrale Anlaufstelle zur Information über mögliche Berufswege, Karrierechancen und Bewerbungsthemen. Großer Beliebtheit erfreuten sich Wissenschaftsshows und Lifeexperimente vor allem mit Fernsehmoderator Ranga Yogeshwar, sowie ein Mitmachstudio des NDR. Viel Zulauf hatte ein Hochschulcamp für Schüler/-innen der Sekundarstufe II. Es gab KinderUnis für 5. und 6. Klassen, Familientage an beiden Sonntagen. Nicht z uletzt sorgten die Live-Konzerte auf mehreren Bühnen mit bekannten Sängern und Bands für eine ansprechende Mischung aus Information, Unterhaltung und Spaß.

Damit die IdeenExpo wiederum ihrem Ruf als „größtem Klassenzimmer der Welt“ mit Einblicken in die faszinierende Arbeitswelt von Ingenieuren, Biologen, Physikern, Chemikern, IT-Experten und verwandten Berufen gerecht werden konnte, hatten sich die ca. 230 Firmen, Institutionen und Verbände, die überwiegend die Kosten des 14 Mio. €-Etats aufbrachten, mächtig mit spektakulären und innovativen Produkten, Arbeits- und Testverfahren ins Zeug gelegt und viel einfallen lassen, um den Spieltrieb von Heranwachsenden zu befriedigen. Das war vorrangig darauf angelegt, bei den jungen Leuten den besonderen Kick auszulösen, der sie nachhaltig für Naturwissenschaft und Technik begeistern sollte, sodass sie sich diese als Gegenstand von Ausbildung und Beruf vorstellen können. Der starke Andrang bei den Mitmachaktionen wies in diese Richtung, lange Schlangen bildeten sich beispielsweise bei den Fahrsimulatoren (Auto, Flugzeug, Maschinen), bei der eigenen Musikproduktion, beim Eigenbau durch Löten, Hämmern, Gießen, Kleben, Biegen oder bei der Herstellung von Erinnerungsfotos. Als erfolgreicher Ansatz erwies sich, dass die beteiligten Unternehmen und Institutionen vor allem ihre Auszubildenden und jungen Nachwuchskräfte und -talente einsetzten und damit Interessierte und potenzielle Bewerber günstig beeindrucken konnten. Außerdem gab es jede Menge praktische Tipps zu Ausbildung, Praktikum, dualem Studium, Bewerbung, Job- und Karrieremöglichkeiten durch Personalberater und Betriebsexperten. Jedenfalls konnten Aussteller und Darbietende wieder überzeugt sein, dass die Investitionen in die IdeenExpo lohnend angelegt sind und dazu beitragen, das Nachwuchsproblem abzumildern. Das gute Zusammenspiel von Schule, Wissenschaft und Wirtschaft zeigte sich schließlich auch darin, dass auf dem „Campus der Ideen“ im Convention Center wieder übergreifende Wettbewerbe ausgetragen wurden: das „Science-Slam-Finale“ sowie die Präsentation der Gewinner des bundesweiten „Ideenfang-Wettbewerbs“ von Niedersachsenmetall.


Mein Fazit: Weiter so IdeenExpo – verbunden mit einem Aufbruch für Verbesserungen! Denn trotz der großen Zahl unmittelbar Beteiligter bei den Mitmachaktionen und in den Workshops waren nicht alle Schüler/-innen (überwiegend aus der Sekundarstufe I) infolge der Diskrepanz von Aktionsangebot und Teilnehmermasse sowie Berührungsängsten direkt aktiv und engagiert. Und es waren wieder nur einige Schüler/-innen auszumachen, die aufgrund von Erkundungs- und Arbeitsaufträgen (ihrer Lehrer/-innen) tiefer in die Realität von Naturwissenschaften und Technik eindrangen und gezielt und zielstrebig die IdeenExpo für Unterricht und schulische Nachbereitung nutzten. Für viele dürfte der Besuch der IdeenExpo immer noch eher ein schulfreier Tag, ein Schulausflug, ein Spieletag, eine Unterrichtsshow der lockeren Art (mit Gammelphasen auf der E xponale) sein. Deshalb müsste eine didaktische Vorbereitung der Lehrer/-innen und eine konsequente Unterrichts-Vorbereitung der Schüler/-innen auf den Expo-Besuch erfolgen. Dazu sollte eine adäquate Lehrerfort- und -weiterbildung stattfinden und die Politiker sollten nach der Anschubinitiative nicht soviel den Unternehmen und Verbänden überlassen. Lehrer/-innen mahnten weiterhin zurecht angesichts der exponalen Shows und Unterrichtsmöglichkeiten eine bessere Ausstattung der Schulen mit Fachräumen und Lehr-/Lernmitteln im Bereich Naturwissenschaften und Technik an.


Der Ansturm auf Europas spektakuläre Bildungsmesse „didacta“, die vom 24.-28.02.2015 auf dem Messegelände in Hannover stattfand, ist weiter ungebrochen. Mehr als 80 000 Besucher und 750 Aussteller aus 35 Ländern bescherten wieder eine der größten „didactas“ seit ihrer Gründung 2001. Es handelt sich um die umfassende Informationsveranstaltung und aktuelle Verkaufsplattform zum Erfahrungsaustausch für Lehrer, Erzieher, Ausbilder, Hochschuldozenten, Studenten, Trainer, Personalentwickler, Lehr- und Lernmittelproduzenten, Bildungsverbände und -politiker, Eltern. Jedoch auch spezialisierte Möbelhersteller, Hygieneexperten, Nahrungsanbieter, Versicherungsfachleute, Tierschutzorganisationen sind hier zunehmend vertreten. Welche Möglichkeiten und Trends bieten die neuen Entwicklungen im Bildungswesen, welche Gefahren und Probleme bestehen und wie soll man ihnen begegnen?

Um die ungeheuere Angebots- und Informationsfülle zu bewältigen und für sich (als einzelner Tagesbesucher) optimalen Erkenntnisgewinn von den Ausstellern mit ihren Experten, Medien und Vorführungen sowie aus fast 1800 Vorträgen, Diskussionsrunden, Foren zu verschaffen, bot es sich an, den eigenen Besuch mithilfe des bewährten „didacta“-Portals im Internet gezielt vorzubereiten. Dort erhielt man einen Überblick über die in 5 Hallen präsentierten Hauptbereiche Kitas, Schulen, Hochschulen, neue Technologien, Institutionen sowie Ministerien und konnte sich mittels Suchwerkzeugen und elektronischem Merkzettel sein persönliches „didacta“-Profil anlegen.  

Neben 15 Sonderschauen gab es 6 Foren, und zwar zu den Themengebieten: didacta aktuell, eLearning, Bildung, Unterrichtspraxis, Berufliche Bildung, Qualifizierung. Im Forum „didacta aktuell“ ging es z. B. um optimales Schulmanagement; gute Ganztagsschulen; gewaltfreies Lernen; frühkindliche Bildung; Inklusion im Bildungssystem (einschließlich der Sonderschau „Ganztagsschule-Inklusive Bildung-Berufsorientierung“); Vielfalt und Bildungsgerechtigkeit; Trends und Technologien digitaler Bildung; Lehrerbildung und Stärkung der Medienkompetenz; lebenslanges Lernen in der lernenden Stadt der Zukunft; Design für besseres Lernen in flexiblen, multifunktionalen Lernumgebungen; Schulkooperationen und Lernallianzen in Schulregionen.

Daran schloss sich das Forum „Bildung“ mit seinen übergreifenden Themen an: Zukunftsoffensive Bildung; digitale Bildung für jedermann und Sonderschauen wie „Lernen zum Anfassen“ (außerschulisches Lernen), „creative lerning spaces“ oder „Impulsforum“; Lehrerleistung und bildungspolitische Überforderung; Professionalisierung durch Praxisphasen im Lehramtsstudium; demografischer Wandel und schmale Bildungsbudgets; multikulturelle Veränderungen in der Klasse; Generation „Social Media“ – Digitale Kommunikation der Jugendlichen in der Schule; professionelle Bildungsmedien in der Schule 2030; Qualität und Feedbackkultur in der Schule; Schulautonomie: Gängelung statt pädagogischer Freiheit? Unterstützungsprogramm zur Förderung der Lehrergesundheit u. a. Niedersächsische Verhältnisse kamen schwerpunktmäßig zur Sprache, da viele Vertreter aus dem Veranstaltungsland beteiligt waren.  

Demgegenüber umfasste das Forum „Unterrichtspraxis“ konkretere Fragen, Ratschläge, Maßnahmen zum Sprachförderunterricht; zur experimentellen Physik; zu Unterrichtsarrangements in Mathematik; für Heterogenität und Differenzierung als didaktisch-methodische Herausforderung; Stressabbau nach neurowissenschaftlichen Erkenntnissen mit praktischen Übungen und Tipps; Zeit- und Selbstmanagement von Lehrenden; Elternarbeit mit schwer Erreichbaren, Arbeiten mit interaktivem Whiteboard/digitaler Tafel, mobiles Lernen mit Tablet-Computern (Sonderschau: Gläsernes digitales Klassenzimmer). Aber auch Probleme wie Sexting und Cybermobbing im Sozialraum Schule; Fortschritt durch Schulnetzwerke; Lernoptimierung durch Medienkompetenz; Professionalisierung des Lehrerhandelns und der eigenen Unterrichtsarbeit; komplexe Kompetenzaufgaben im Fremdsprachenunterricht; Bewältigung von Regelverstößen und Grenzverletzungen durch die Schüler/-innen gehörten zum Veranstaltungsprogramm.  

Der schon länger etablierte Marktplatz „Beruf ist Zukunft“ (Foren Berufliche Bildung bzw. Ausbildung und Qualifikation) bot einerseits Vorträge, Podien, Fachgespräche für Ausbilder/-innen und Lehrkräfte an beruflichen Schulen und erstreckte sich beispielsweise auf Inklusion in der beruflichen Bildung; Burnout-Symptome im Ausbildungs- und Berufsschulalltag; Lernen am Arbeitsplatz; Chancen eigenverantwortlicher beruflicher Schulen; Berufsbildung ohne Grenzen; Lernen mit Live-online-Seminaren (Webseminaren); Lernspiele im Unterricht; Ausbilderqualifizierung und webgestützte Lernmedien; Datenschutz und IT-Sicherheit in der Ausbildung; Best-Practise E-Learning-Projekte. Außerdem präsentierte die UNESCO-Arbeitsgruppe „Berufliche Aus- und Weiterbildung“ der UN-Dekade „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ ihre Strategie „Vom Projekt zur Struktur“. 


Als Dauerbrenner wurde die Sonderschau „MINT Zukunft schaffen“ dargeboten, diesmal mit besonderem Bezug zu moderner landwirtschaftlicher Vernetzungstechnik. Zur Faszination über die duale Berufsausbildung wurden auf der „didacta“ Berufswettbewerbe ausgetragen. Und zwar fand hier der Bundeswettbewerb der Nachwuchskräfte in den Disziplinen „Mechatronik“ und „Mobile Robotik“ statt. Auszubildende, Studenten und junge Fachkräfte in einer beruflichen Weiterbildung bauten nach bestimmten Kriterien ein Miniatur-Transport-Logistik-System auf oder montierten und programmierten einen Roboter für vorgegebene Aufgaben.

So erwies sich die „didacta“ als vielfältige pädagogische Weiterbildungs-Veranstaltung, die sich offen und sinnvoll mit akuten Brennpunkten des gegenwärtigen Bildungsgeschehens auseinandersetzte, was einschloss, dass sich die gegenwärtige niedersächsische Landesregierung mit der „Rückkehr zu G 9 als Chance für ein neues Gymnasium“ sowie mit Schulprojekten zur Inklusion in der Region Hannover in Szene setzte. Prof. Fthenakis, Präsident des „didacta-Verbandes“ der Bildungswirtschaft, trat wieder als Mahner auf, um im reformbedürftigen Deutschland bessere Bildungschancen gerade für Kinder zu fordern. Denn andere Länder sind uns darin voraus, ihr Bildungswesen auf die Stärkung kindlicher Entwicklung zu fokussieren und besonders die Kompetenzen der Kinder für eine Vorbereitung auf die sich wandelnde und verändernde Welt zu fördern. Abgesehen davon, dass hierzulande überhaupt zu wenig in die Bildung der Bürger investiert wird, herrscht die Erwachsenen-Perspektive vor. Anstatt die chronisch unterfinanzierte frühkindliche Bildung wirksam auszubauen, versucht man ineffizient Versäumtes später auszugleichen. Dazu trage auch die föderale Bildungsverantwortung bei; Bund, Länder und Gemeinden müssten sich besser abstimmen und bereits im Vorschulalter eine hohe Bildungsqualität für die Kinder und die Anschlussfähigkeit ans Bildungssystem sichern. Zwar ist die „didacta“ grundsätzlich auf das lebenslange Lernen ausgerichtet, aber sie widmete sich wie im letzten Jahr verstärkt der frühkindlichen Entwicklung und inklusiven Bildung und setzte Schwerpunkte bei außerschulischem Lernen von Kindern, Aktionen in Kindertagesstätten, Spiel und Bewegung, Schulverpflegung und gesunde Ernährung.


Neben den Tagungen im Convention Center waren die Vortrags- und Diskussionsrunden mitten in den fünf großen Ausstellungshallen angesiedelt und wurden gut besucht, jedoch erreichten sie längst nicht alle Teilnehmer. Diese drängelten sich massenhaft bei den Schulbuchverlagen mit den klassischen Printmedien und den darauf bezogenen oder eigenständigen digitalen Lernmitteln, die immer noch die Hauptsache der „didacta“ bilden. Die modernen Lernspiele, Schul- und Lernbücher, optisch anspruchsvoll und anregend gestaltet, ansprechend bebildert, mit durchweg bunten Grafiken und Abbildungen anschaulich aufgemacht, haben es den Lehrpersonen in erster Linie angetan. Zusammen mit Schülerarbeitsheften, Lehrerhandbüchern sowie digitalen Begleitprogrammen, elektronischer Übungssoftware und Lösungsstrategien oder interaktiven Tafelbildern stellen sie weiterhin die bevorzugten Lehr- und Arbeitsmittel dar, die die Lehrer/-innen erkundeten und die Informationen darüber massenweise nach Hause trugen und in die Schulen mitnahmen. Drangvolle Enge herrschte außerdem im gläsernen digitalen Klassenzimmer des Veranstalters „n-21 – Schulen in Niedersachsen online e. V.“, wo die Pädagoginnen und Pädagogen neugierig und horizonterweiternd wie eine Schulklasse mit iPads in die elektronische Lernwelt ein- und abtauchen konnten – angesichts der vielen Besucher kam allerdings nur eine kleine Minderheit zum Zuge. Die Mehrheit der Lehrer/-innen hätte es sich wohl kaum zugetraut, weil sie sich mit eBooks, Apps und Tablet-PCs, Smartboards, Smartphones, interaktiven Whiteboards, digitalen Stiften und anderen neuen elektronischen Lernhilfen im Cyber-Klassenzimmer zu wenig auskennt. Insofern hätte das Forum eLearning in Halle 23, wo webbasierte Lernprogramme für ein direktes, flexibles, effektives Lernen von Kindern und Erwachsenen mit dem Internet vorgeführt wurden, noch stärker frequentiert sein können.

Nicht zuletzt ist diese Bildungsmesse ein mächtiger Geschäftsbetrieb und verfolgt mit den technischen Innovationen das Tätigen von enormen Umsätzen im Bildungsbereich. Doch sind sich Medienentwickler und -anbieter sowie Erziehungswissenschaftler und Pädagogen weitgehend einig, dass digitale Medien zwar kein Ersatz für das Buch, aber eine Bereicherung sind – bereits für unter Zehnjährige. Zudem böten die Multimedia-Angebote die Chance, Bildungsverlierer wie Kinder und Jugendliche aus sozial schwächeren Familien eher zu erreichen. Insofern sollten Schulen und vorschulische Einrichtungen dem multimedialen Fortschritt im Bildungswesen nicht allzu sehr hinterherhinken. Politiker in Bund, Ländern und Kommunen, Schulträger und Bildungsexperten müssen für eine angemessene mediale Ausstattung der Bildungseinrichtungen mit den technischen Errungenschaften sorgen und eine dem gemäße Ausbildung, Fort- und Weiterbildung der Erzieher- und Lehrerschaft sicher stellen. Dazu gehört neben den Fertigkeiten der sachgerechten Handhabung und des didaktisch-methodischen Einsatzes ebenfalls die Vermittlung einer kritischen Medienkompetenz, Aufklärung über die Gefahren des Internets, über soziale Netzwerke wie SchülerVZ und Facebook sowie Präventionsstrategien gegen das Cyber-Mobbing , Entwicklung von Projekten wie den „Computer-Führerschein“ (für Dritt- und Viertklässlern in den Grundschulen). Die Schulen brauchen also Computerspezialisten und kritische Medienpädagogen, überhaupt mehr Lehrer/-innen für kleine Klassen (20 statt 32 Schüler) und Zeit für persönliche Gespräche und eine schulinterne Lehrerfortbildung. In diesem Sinne sollte auf der „didacta“ den Sonntagsreden der Politiker z. B. entgegen gehalten werden, wie kontraproduktiv es ist, dass in Niedersachsen das Landesinstitut für Lehrerfort-, Weiterbildung und Unterrichtsforschung (NLI) sowie die Landeszentrale für politische Bildung aufgelöst wurden und nur noch Restfunktionen im Nds. Landesinstitut für Qualitätsentwicklung (NLQ) wahrnehmen können.  

IV. Bildungsgesellschaft paradox – Zur prekären Situation der Weiterbildung   (26.11.2011, akt. 11.07.2012)     

Die Bildungsgipfel der Kanzlerin mit den großmäuligen Absichtserklärungen sollen vom Bildungsflicken-teppich zur Bildungsgesellschaft führen. Da jedoch keine Taten folgen, zumal die begrenzten bildungs-politischen Kompetenzen des Bundes durch die Föderalismusreform ausgehöhlt wurden, besteht die desolate Lage der Bildung in Deutschland weiter. Indes sind dafür letztlich alle Parteien und Amtsträger verantwortlich, die bislang am Regieren beteiligt waren, denn sie haben allesamt jeweils zu wenig für die beschworenen Verbesserungen des Bildungs-wesens getan. 

Bei der Bildungsmisere denkt man meist zuerst an das Schulwesen: an marode Schulgebäude, veraltete Lern- und Lehrmittel, viel zu große Klassen, unmotivierte, gestresste Schüler/-innen, gewalttätige Auseinandersetzungen, Mobbing, ausgebrannte Lehrer/-innen oder an überfüllte Hochschulen, ungerechte Studiengebühren, misslungene Studienreformen, protestierende und demonstrierende Studierende sowie andere negative Erscheinungsformen. Hier soll allerdings auf skandalöse Verhältnisse in einem anderen Bildungsbereich eingegangen werden, der der größte, aber arg geschunden ist: die Weiterbildung. 

Neben der betrieblichen Weiterbildung, die vorwiegend als berufsspezifische Anpassungsfortbildung, z. T. als Aufstiegsfortbildung angelegt ist, arbeiten in der Weiterbildungsbranche über 600 000 Menschen, und zwar in ca. 1,3 Mio. Arbeitsverhältnissen, also etliche in mehreren Jobs. Das Schlimme daran ist, dass es sich dabei hauptsächlich um prekäre Beschäftigungsverhältnisse handelt, denen die Weiterbildungsakteure an den fast 1000 Volkshochschulen sowie bei den gemeinnützigen Trägern ausgesetzt sind. Die meisten Weiterbildungs-Lehrkräfte müssen ihr Dasein als unfreiwillig Selbstständige fristen und ihren Lebensunterhalt mit geringer Bezahlung, zeitlich befristeten Arbeitsverträgen, ohne soziale Absicherung verdienen, obwohl sie in der Regel höher qualifiziert sind, und zwar als fortgebildete Fachkräfte und Akademiker/-innen, vor allem Pädagogen, Sozial- und Kulturwissenschaftler. Gerade in der öffentlich finanzierten Weiterbildung ist die Not am größten, insofern sich die Weiterbildner/-innen aufgrund der von der Bundesagentur für Arbeit (BA) geförderten Maßnahmen oder ebenfalls der Integrationskurse, die das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) eingeführt hat, zuhauf in ungesicherten, unbeständigen Erwerbs- und Lebensver-hältnissen befinden, die ihre Lebensqualität beeinträchtigen und die Gründung einer eigenen Familie infrage stellen, wenn nicht verhindern. Das gilt zum großen Teil selbst für die Beschäftigten der Volkshochschulen. Nach einer GEW-Dokumentation (Erziehung und Wissenschaft 9/2011, S. 11) waren 2009 an den 940 deutschen Volkshochschulen 7 800 hauptamtliche und 193 000 neben- bzw. freiberufliche Kräfte tätig, indes hatte die Hälfte der Festangestellten nur befristete Verträge. Bundesweit boten die VHSn rund 7 000 Veranstaltungen an und erreichten damit über 9 Mio. Menschen, wobei sich die Kosten mit 39 % auf die Teilnehmer, 41 % auf Kommunen und Länder, 20 % auf BA, ESF (Europäischer Sozialfonds), Bundesmittel verteilten (vgl. www.destatis.de/kontakt).

Ähnlich den prekären Arbeitsverhältnissen im akademischen Unter- und Mittelbau der Hochschulen, der dort die Hauptlast trägt, leisten die schlecht bezahlten, auf Zeit beschäftigten VHS-Dozentinnen und Dozenten sowie freiberuflichen Weiterbild-ner/-innen (besonders als Honorarkräfte) neben beruflicher Fortbildung Enormes für gesellschaftlich-politisches und kulturelles Lernen. Zur Teilhabe am Gemeinwesen und an der demokratischen Gesellschaft sind mündige, fortbildungswillige Bürger/-innen einschließlich der Migranten Voraussetzung, die über eine aktuelle berufliche Qualifizierung hinaus ein allgemein technisches Grundverständnis für die Errungenschaften des modernen Lebens haben, gesellschaftspolitisch, ökonomisch und ökologisch über die vernetzte Wissensgesellschaft und globalisierte Welt aufgeklärt sind, über angemessene sprachliche und fremdsprachliche Grund-fertigkeiten und kommunikative Fähigkeiten verfügen, eine kulturelle Grundbildung besitzen und zur Gesunderhaltung von Körper und Geist vorgebildet und motiviert sind. Das sind wichtige grundlegende Aufgaben, zu denen der Weiterbildungs-bereich wie auch zu einer entsprechenden Beratung entscheidend beizutragen hat, um allen den Zugang zum proklamierten lebenslangen Lernen zu ermöglichen. Deshalb fordert hier die GEW wie für die anderen Bildungsbereiche eindeutige Rechtsansprüche unter öffentlicher Verantwortung, bundesweit gültige Regelungen der Arbeitsbedingungen und eine verlässliche hinreichende Finanzierung. Stephanie Odenwald, Leiterin des GEW-Organisationsbereichs Berufliche Bildung und Weiterbildung, verlangt als ersten Schritt die Einführung eines Mindestlohns als untere Grenze gegen Lohndumping in der Weiterbildungs-branche, damit die Weiterbildner/-innen infolge der Marktsteuerung nicht weiter als billige Tagelöhner ausgenutzt werden. Und sie warnt vor einem „drohenden Flächenbrand in der Weiterbildung“ angesichts des unsozialen Sparpakets der schwarz-gelben Regierungskoalition, wonach fast 40 % der Haushaltskürzungen die Arbeitsmarktpolitik betreffen, und zwar zulasten der Qualifizierungs-, Umschulungs- und Weiterbildungsangebote für Arbeitslose und Bildungsbenach-teiligte (EuW 9/2011, S. 20). 

Das ist „Bildungspolitik paradox“ gegenüber dem von der Kanzlerin verkündeten Aufbruch in die Bildungsgesellschaft. Es sei denn, das Heil der Bildungsgesellschaft wird nur in der Elite-Förderung gesehen. Immerhin gibt es nun eine hoffnungsvolle Nachricht, um dem Dumping-Wettlauf im Weiterbildungsbereich durch die Einführung eines Mindestlohnes ein Ende zu setzen. Das Bundeskabinett hat gerade einem Verordnungsentwurf der Bundesarbeitsministerin zugestimmt, der auf Antrag der Gewerkschaften ver.di und GEW sowie des Bundesverbandes der Träger beruflicher Bildung zustande gekommen ist und ab 01.08.2012 einen allgemein verbindlichen Mindestlohntarifvertrag in der Weiterbildungsbranche mit 12,60 € in Westdeutschland und 11,25 € in Ostdeutschland bei einer Laufzeit bis 30.06.2013 vorsieht (Pressemitteilungen der GEW vom 04.07.2012 und ver.di vom 05.07.2012). Dieser Kommentar auch unter: http://m.vorwaerts.de/blogs/bildungsgesellschaft-paradox-zur-prekaeren-situation-der-weiterbildunghttp://blog.vorwaerts.de/blogs/bildungsgesellschaft-paradox-zur-prekaeren-situation-der-weiterbildung

http://www.ideenexpo.de  www.facebook.com/ideenexpo   Mein Kommentar von 2011 unter:  http://m.vorwaerts.de/blogs/ideenexpo-fuer-naturwissenschaft-und-technik-2011-in-hannover; http://blog.vorwaerts.de/blogs/ideenexpo-fuer-naturwissenschaft-und-technik-2011-in-hannover


Durch die bundesweiten Studenten- und Schülerproteste wurde es publik: Die Reform der Studiengänge und Hochschulabschlüsse zur Herstellung eines gemeinsamen Hochschulraumes in der EU bis 2010 (Bologna-Prozess) hat in Deutschland das Ziel von mehr Mobilität und Durchlässigkeit noch zu wenig erreicht, sondern z. T. zu schwierigen oder gar unerträglichen Studienbedingungen geführt. Konsequenzen zur Änderung der unzureichenden Verhältnisse durch Politiker und Hochschulrepräsentanten sind daher unerlässlich. 

Missstände und Verantwortlichkeiten 

Die Fehlentwicklung des Studienreformprozesses mit der Einführung der Bachelor-Master-Struktur (BA-MA-Studiengänge) in der Bundesrepublik beruht konkret auf unzweckmäßiger Umsetzung der EU-Vorgaben in den Hochschulen. Allerdings trifft daran die verantwortlichen Politiker eine erhebliche Schuld, insofern sie die Bildungspolitik allzu harten ökonomischen Rahmenbedingungen unterwerfen und mit der Studienreform zur Anpassung an die Bildungssysteme unserer europäischen Nachbarn Einsparungsmaßnahmen verfolgen. Denn der Bachelor als erster berufsqualifizierender Abschluss stellt nach den politischen Erwartungen den Regelabschluss eines vergleichsweise preiswerten 6- bis 7-semestrigen Hochschulstudiums dar, wie es bislang für unsere Fachhochschulen (FHs) typisch ist. Dies soll nun auf Kosten der bisherigen vollakademischen Ausbildung in mindestens 8-semestrigen Diplom-, Magister- und Lehramtsstudiengängen ausgeweitet werden, indem die Fortsetzung der Bachelorausbildung in Masterstudiengängen für viele stark reglementiert und eingeschränkt, z. B. von Prädikatsnoten abhängig gemacht wird. Eine grundlegende Absenkung des akademischen Ausbildungsniveaus in Deutschland soll offenbar in Kauf genommen werden, zumal die BA-Abschlüsse laufbahnrechtlich dem gehobenen Staatsdienst zugeordnet werden und die höhere Besoldung versperren. Ein besonderer Brennpunkt in diesem Zusammenhang ist die angemessene wissenschaftliche Ausbildung der Lehrer/-innen.

Die herkömmlichen FH-Studiengänge passen formal und inhaltlich , besonders vom Zeitumfang am ehesten zur BA-Struktur, sodass die Reform hier vorrangig mit organisatorischen Veränderungen vollzogen wird, während das Reformziel der vertieften wissenschaftlichen Grundlegung der anwendungs- und berufsfeldbezogenen Qualifikationsvermittlung noch Defizite aufweist. Die politischen Rahmenverhältnisse mit der angestrebten Beschränkung der MA-Studiengänge und -abschlüsse brachte vor allem die Universitäten und gleichgestellten Hochschulen bei der Gestaltung der BA-Studiengänge in Bedrängnis. Mit der Berufsschneidung der tradierten vollakademischen Diplom- und Magister- sowie vergleichbaren Ausbildungen zu verkürzten BA-Profilen und beruflicher Erstqualifizierung hatte man keine Erfahrung und die Abnahmechancen in Wirtschaft und Verwaltung waren offen. So wurden möglichst viele Inhalte der bisherigen Studiengänge mit 8 Semestern Mindestdauer in das meist 6-semestrige BA-Studium gepresst. Zur Bewältigung der Stofffülle und zum Nachweis der mindestens 180 Leistungspunkte (ECTS)  wurde das BA-Studium in abprüfbare Bausteine oder Units zerlegt. Kleinschrittige Wissensaneignung, Leistungsdruck, Technokratisierung statt ganzheitlicher Orientierung prägen diese verdichteten BA-Studiengänge, die auch zu wenig Raum für intensive Praxisphasen oder Auslandsstudien lassen und etliche Studierende überfordern.

Entspannung durch konsekutives Bachelor-Master-Studium         

Als Reaktion auf die Studentenproteste beschlossen Kultusministerkonferenz (KMK) und Hochschulrektorenkonferenz (HRK), sich gemeinsam für eine Verbesserung des Studiums  in gestuften BA-MA-Studiengängen einzusetzen und forderten u. a. die Arbeitsanforderungen der Studierenden zu überprüfen, die Prüfungsbelastungen zu reduzieren, die ländergemeinsamen Strukturvorgaben zu flexibilisieren, die Master-Zugänge zu erweitern, die Transparenz des konsekutiven Studiensystems zu erhöhen, eine breite wissenschaftliche  Qualifizierung zu sichern, individuelle Studienverläufe durch integrierte Mobilitätsfenster zu ermöglichen, Kompetenzprofile auszuweisen, die Studierbarkeit in Akkreditierungsverfahren zu prüfen.

Vor allem sollten die Hochschulen die Zeitspielräume zur Gestaltung der gestuften Bildungsgänge sinnvoll nutzen, indem die Gesamtregelstudienzeit für ein Vollzeitstudium in konsekutiven Studiengängen von 5 Jahren oder 10 Semestern mit insgesamt 300 ECTS zur Differenzierung der Bachelor-Studiengänge mit 6, 7 oder 8 Semestern und der Master-Studiengänge mit 4, 3 oder 2 Semestern je nach beruflichem Anspruchsprofil verwendet wird. Allerdings ist darauf höchster Wert zu legen, dass angesichts der Modularisierung und Zerlegung in Units das Berufsprinzip gewahrt wird. Das heißt, eine berufliche Gesamtqualifikation und die Ganzheitlichkeit von Qualifikationen ist zu erhalten bzw. aufzubauen und nicht nach angelsächsischem Beispiel zu zersplittern.

Schaffung sinnvoller Berufsprofile

Mit den BA-MA-Studiengängen müssen sinnvolle Qualifikationsbündel und Fähigkeitsspektren für die akademischen Berufe geschaffen werden, wie sie bislang in Deutschland üblich sind und sich bewährt haben. Schließlich ist für die berufliche Identität, die Attraktivität der Ausbildung, das persönliche Prestige, nicht zuletzt zur Orientierung auf dem Arbeitsmarkt und in der Gesellschaft wichtig, die Studienabschlüsse entsprechend differenziert zu bezeichnen und nicht im Zuge der EU-Gleichmacherei und einer fragwürdigen Übersichtlichkeit auf wenige einheitliche Bachelor- und Mastergrade zu beschränken: Bachelor/Master of Arts (B.A./M.A.), of Science (B.Sc./M.Sc.), of Engineering (B.Eng./M.Eng.), of Laws (LL.B./L.L.M.), of Education (B.Ed./M.Ed.). Die etablierten und angesehenen deutschen Diplomtitel, die verlässliche Standards und Qualität verbürgen, könnte man durchaus beibehalten, wenn man den absolvierten Studiengang mit dem BA- und MA-Grad in Klammern kennzeichnet, also beispielsweise Dipl.-Ing. (Ba) anstatt bisher Dipl.-Ing. (FH) sowie Dipl.-Ing. (Ma). Auf jeden Fall sollte unter dem Deckmantel der einheitlichen BA- und MA-Grade die ohnehin zerklüftete Hochschullandschaft nicht noch mehr in wenig effiziente Splitterstudiengänge ausufern, wie dies z. B. in Bezug auf die Querschnittsqualifikation „Management“ zu beobachten ist: Marketingmanagement, Gesundheitsmanagement, Medizinisches Informationsmanagement, Sozialpädagogik und Management, Freizeitmanagement, Eventmanagement und Entertainment, Musikmanagement usw. Dieser Kommentar auch unter: http://m.vorwaerts.de/blogs/nach-aussen-gleichmacherei-innen-zersplitterunghttp://blog.vorwaerts.de/blogs/nach-aussen-gleichmacherei-innen-zersplitterung 

VI. Stärkung des beruflichen Schulwesens für mehr konkrete Chancengleichheit und eine gerechtere Gesellschaft (30.11.2010)

Die Parteien, besonders die progressiven, müssten sich in ihren Bildungsprogrammen endlich des beruflichen Schulwesens annehmen und für eine Gleichberechtigung der Berufsschule gegenüber der Betriebsausbildung im dualen System der Berufsausbildung stark machen. Denn die Berufsschule als institutionelles und curriculares Herzstück des Berufsbildungssystems trägt maßgeblich dazu bei, dass die Berufsbildung dem gymnasialen Bildungsweg ebenbürtig ist und das berufliche Schulwesen bereits gegenwärtig rund 50 % der Hochschulzugänger/-innen liefert. Dennoch wird die Berufsschule in der Berufsbildungspolitik seit eh und je als Anhängsel der Betriebe betrachtet und vernachlässigt, was ihrer Bedeutung als wichtiger Sozialisationsinstanz für die meisten Bürger und gleichfalls ihrer möglichen Innovationsrolle nicht gerecht wird. Aus der historischen Perspektive ist das zwar erklärbar, aber in der Gegenwart nicht mehr akzeptabel und erfordert ein Umdenken in der Berufsschulpolitik.  Als  konstitutives Element des dualen Ausbildungssystems ist die Berufsschule zudem angesichts des Wandels zur Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft bzw. von der funktions- zur prozessorientierten Arbeitsorganisation unentbehrlich. Sie verfügt grundsätzlich über das Innovationspotenzial, das zur Erneuerung und Attraktivitätssteigerung des Berufsausbildungssystems mit seiner vorteilhaften Theorie-Praxis-Kombination einschließlich einer zeitgemäßen Berufsschullehrerbildung vorauszusetzen, jedoch entsprechend zu fördern und institutionell abzusichern ist.

Zu den Verantwortlichkeiten und Unterlassungen der zuständigen politischen Akteure ist vor allem festzustellen, dass SPD und GRÜNE in der Opposition mit ihrem Minderheitsvotum im Rahmen der Enquete-Kommission „Bildung 2000“ des Bundestages ein angemessenes progressives Berufsschulreform-Programm vertraten, das dann allerdings von der rot-grünen Bundesregierung unter Schröder nicht umgesetzt wurde. Ein vergleichbares Reformkonzept, das der Interessenlage der Arbeitnehmer, Auszubildenden, Berufsschüler/-innen und Berufsschullehrer/-innen entsprach,  proklamierte der DGB gar bis zur Novellierung des Berufsbildungsgesetzes (BBiG) im Jahr 2004.  Da vollzog der DGB zusammen mit der IG Metall und anderen Mitgliedsgewerkschaften eine Kehrtwende in seiner fortschrittlichen Berufsschulpolitik  und schwenkte im Einigungspakt mit den Arbeitgebern  als Sozialpartner – allerdings sein Ziel einer Umlagefinanzierung der Berufsausbildung verfehlend – mit einem eigenen Gesetzentwurf weitgehend auf die unternehmerfreundliche Position der Schröder-Regierung ein. Im Zuge kurzfristiger und kurzsichtiger Erfolgsorientierung wurde zur Verabschiedung des Berufsbildungsreformgesetzes noch die CDU/CSU-Opposition mit kompromisshaften Zugeständnissen ins Boot geholt, sodass unter Verantwortung dieser großen Interessenallianz  2005 das BBiRefG als Minimalkonsens und Minimalkompromiss zuungunsten der Berufsschule in Kraft trat. Im Gesetz fehlen Regelungen und Mindeststandards  zur Abstimmung der Ausbildungsordnungen (Betrieb) und Rahmenlehrpläne (Berufsschule). Die mögliche Ausweisung der Berufsschul-Abschlussnote im Kammerzeugnis bedeutet keine Anrechnung der Berufsschulleistungen auf die Prüfungen. Das Stimmrecht der Berufsschullehrer in Berufsbildungsausschüssen ist beschränkt. Eine Finanzierungsregelung ist nicht aufgenommen. Die Ermächtigung der Bundesländer zur Anrechnung und Gleichstellung vollzeitschulischer Ausbildungen ist zeitlich begrenzt. Eine bundesgesetzliche Regelung der Weiterbildung ist ausgespart. Damit hat sich der Unternehmerstandpunkt durchgesetzt und die Vorherrschaft der Wirtschaft in der Berufsausbildung ist wiederum gesichert worden.

Eine zukunftsgerechte Bildungspolitik sollte also bei einer Reformierung des unausgewogenen BBiG von 2005 ansetzen und die herkömmlichen Defizite beseitigen, um die Berufsschule zum gleichwertigen und gleichberechtigten Dualpartner sowie als Zentrum für die schulische Berufsbildung und berufliche Weiterbildung aufzuwerten. Über die Gesetzesnovellierung hinaus müssen indes angemessene Rahmenbedingungen für die Berufsschulentwicklung geschaffen werden wie hinreichende Finanz-, Raum-, Sach- und Personalausstattung mit technischen und Verwaltungsfachleuten, als Zeitkontingent zwei Berufsschultage in der Woche mit 16 Stunden,  flexible Unterrichtsorganisation im Ganztagsbetrieb zur inneren Differenzierung, Durchführung von Projektvorhaben, Gewährleistung einer aktiven Schülermitbestimmung und -selbstverwaltung, Ausgestaltung eines demokratischen Schullebens für mündiges Bürgerhandeln.  Günstige Arbeitsbedingungen mit vertretbarer Schüler-Lehrer-Relation sowie eine vorausschauende Berufsschullehrer-Nachwuchssicherung gehören ebenfalls dazu. Unter solchen Voraussetzungen  sollten die gegenwärtigen Ansätze der Berufsschulentwicklung als lernende, selbstständige, eigenverantwortliche Organisation, zur internen und externen Evaluation, Teamentwicklung, zum Ausbau als regionale Kompetenzzentren als Innovationschance aufgegriffen und vorangetrieben werden.

Vor allem müssen genügend befähigte Berufsschullehrer/-innen zur Verfügung stehen, die das Innovationspotenzial entfalten, sodass es neben der Lehrer-Sozialisation maßgeblich auf die Berufsschullehrer-Ausbildung und auch die verantwortlichen Hochschullehrer ankommt. Eine konsequente langfristige Berufsschullehrer-Bildungspolitik auf der Grundlage eines fundierten wissenschaftlichen Studien-, Seminar- und Weiterbildungsangebotes ist unbedingt notwendig. Im Rahmen einer möglichst grundständigen vollakademischen Ausbildung in der beruflichen Fachrichtung gilt es angemessen erziehungs- und sozialwissenschaftliche Studienanteile sowie Zweit- und Wahlfächer wie Politik und Sprachen für den umfassenden Bildungsauftrag der beruflichen Schulen zu berücksichtigen, was auch künftig bei den konsekutiven und polyvalenten Bachelor-Master-Studiengängen sicher zu stellen ist.  Dieser Kommentar auch unter: http://blog.vorwaerts.de/blogs/staerkung-des-beruflichen-schulwesens-fuer-mehr-konkrete-chancengleichheit-und-eine-gerechtere-gesellschafthttp://m.vorwaerts.de/blogs/staerkung-des-beruflichen-schulwesens-fuer-mehr-konkrete-chancengleichheit-und-eine-gerechtere-gesellschaft (Berufliche Schulen); http://bildungsklick.de/a/90779/das-berufsschullehramt-ist-eins-der-herausforderndsten-lehraemter/ (Zum Berufsschullehramt)


Einerseits Prestige-Promotionen – Wissenschaftliches Prekariat andererseits

Ein Paradoxon unserer Informations- und Wissensgesellschaft besteht in einem eklatanten Widerspruch, der sich aus Folgendem ergibt: Zum einen leisten wir uns hoch qualifizierte Wissenschaftler, die – sich der Forschung verpflichtend und eine Hochschullaufbahn erstrebend – z. T. unter entbehrungsreichen Umständen promoviert und habilitiert haben, vielfach in bescheidenen Verhältnissen im akademischen Unter- und Mittelbau, oft auf Zeitstellen oder als wissenschaftliche Hilfskräfte ihr Dasein fristen. Nur wenigen von ihnen wird der Ruhm und die Ehre als Lehrstuhlinhaber/-in oder Professor/-in zuteil; jedoch bewältigen sie den Löwenanteil der Hochschularbeit in Forschung und Lehre. Andererseits gibt Politiker, Prominente, gesellschaftliche Aufsteiger, die mit unqualifizierten oder unrechtmäßig erschlichenen Doktorarbeiten ihr Image aufwerten, ein höheres Prestige erlangen, eine steilere Karriere erklimmen, Spitzenpositionen bekleiden und viel verdienen, nicht zuletzt zur geistigen Elite gehören wollen. Vgl. GEW:    http://www.gew.de/Binaries/Binary92077/Promotion_im_Brennpunkt_web.pdf  

Plagiieren – ein Kavaliersdelikt?

Guttenberg hat das Plagiieren, das die modernen Kommunikationstechnologien u. a. mit den Möglichkeiten vielfältigen Kopierens enorm gefördert haben, auf die Spitze getrieben, indem er besonders viele Fremdtexte als die eigenen ausgegeben hat. Das widerrechtliche Aneignen geistigen Eigentums ist fast zum Sport für jedermann geworden und wird wie das Abschreiben in der Schule mehr als Kavaliersdelikt gesehen. Schon seit längerer Zeit haben die Bildungseinrichtungen und besonders die Hochschulen damit zu kämpfen, dass Schüler/-innen und Studierende – in Teilen oder gar vollständig – Aufsätze, Facharbeiten, Studien-, Seminar- und Abschlussarbeiten (Examens-, Diplom-, Magister-, Bachelor-, Masterarbeiten) „abkupfern“ und schließlich Promovierende auch Doktorarbeiten auf diese illegale Weise anfertigen, obwohl für deren Abfassung besonders strenge Regeln gelten und die selbstständige Erarbeitung meist eidesstattlich zu versichern ist. Da mit dem Erfolg dieser Abschlussarbeiten wichtige Berechtigungen verknüpft sind, gilt es weiterhin, die Eigenständigkeit der Leistung zuverlässig zu überprüfen und zu bewerten. So war es nur eine Frage der Zeit, mit neuen Programmen wirksame Kontrollinstrumente zur Aufdeckung von Plagiaten zu entwickeln, denen Guttenberg nun im Nachhinein zum Opfer gefallen ist und die die Schummler fortan fürchten müssen.

Fall Guttenberg als Gipfel der Hochstapelei

In der Angelegenheit Guttenberg zeigt sich die Dramatik des verwerflichen Tuns und seiner Aufklärung durch engagierte und versierte Bürger und die Wucht der Folgen besonders krass. Die schonungslose Offenlegung von Guttenbergs umfangreichen Plagiaten und seine untauglichen Bagatellisierungs- und Vertuschungsversuche haben letztlich zutage gefördert, was politisch Interessierte und Informierte zwar ahnten oder wussten, aber die Mehrheit der Bürger nicht wahrhaben wollte: Dass er nicht der von der Bildzeitung gepriesene „bewährte Ausnahmepolitiker“ war (von der Bundeskanzlerin scheinheilig bestätigt), sondern lediglich der zum Publikumsliebling hochgepuschte Blender, der im Bundestag ungerügt ein Täuscher, Lügner und Betrüger genannt wurde. So kam heraus und wurde gerügt, dass er nicht einmal eine ordentliche Dissertation zustande brachte, als Verteidigungsminister Bundeswehrangehörige zur eigenen Entlastung vorschnell als Sündenböcke abstempelte und ihres Dienstes enthob und schließlich die hochgelobte Bundeswehrreform gar nicht solide vorbereitet hatte. Dass es ihm stets um mehr Schein als Sein ging, bestätigt und bekräftigt ebenfalls die erschienene Biografie über ihn.

Fragwürdige Renommier-Promotionen von Politikern

In dieser Blöße stellt sich die Affäre Guttenberg als Einzelfall dar, jedoch auch die anderen ruchbar gewordenen Plagiatfälle offenbaren, dass es bestimmten Politikern ausschließlich um Prestige- und Renommier-Promotionen geht. Das zeigt das Spektakel um die Entziehung der Doktorgrade bei den FDP-Politikern Silvana Koch-Mehrin, Jorgo Chatzimarkakis und Margarita Mathiopoulos, die schon 1989 wegen Abschreibens in ihrer Doktorarbeit am Pranger stand (vgl. DER SPIEGEL 37/1989, S. 61 f.). Aber der niedersächsische Kultusminister und vormalige KMK-Präsident Althusmann dürfte hier gleichfalls von der Motivationslage einzustufen sein. Er musste seine ohnehin mäßige Dissertation an der Uni Potsdam wegen unüblicher, fragwürdiger Zitierweise und öffentlicher Vorwürfe überprüfen lassen, durfte seinen Doktortitel indes behalten, doch die Gründe für den überraschenden Freispruch sind der Allgemeinheit bislang nicht dargelegt worden. Nun wurde auch Bundesbildungsministerin Schavan der Dr.-Titel und gleichzeitig ihre gesamte akademische Würde (da sie nur über ein Dr.-Examen verfügte) von der Uni Düsseldorf aberkannt und sie unternahm wie Koch-Mehrin und Mathiopoulos den erfolglosen  Versuch, per Gerichtsverfahren dagegen einzuschreiten. Immerhin hatte sie sich – vermutlich im Auftrag der Kanzlerin – mit ihrem eindringlichen „Schambekenntnis“ gegen Guttenberg exponiert. Müsste sie sich am Ende – weil ihre weiß gewähnte Weste einen hässlichen Flecken bekommen hat – selbst als Bildungsministerin schämen? Zur Dr.-Arbeit Angela Merkels mag man sich übrigens gleichfalls ein eigenes Urteil bilden.  Jedenfalls gibt es eine differenzierte wissenschaftliche Analyse ihrer  Dissertation und kritische Folgerungen in Richtung Aberkennung in einem aufschlussreichen Video auf Youtube: https://youtu.be/lGGdU2djWFA .
  
Lex Althusmann oder außerordentliche Zitiergepflogenheiten in den Wirtschaftswissenschaften ?

Dass ein ehemaliger Kultusminister und KMK-Präsident die herkömmlichen Regeln wörtlichen Zitierens mit Anführungszeichen in Frage stellte und sich dabei auf abweichende Gepflogenheiten in den Wirtschaftswissenschaften berief, ist als Verstoß gegen ein geltendes Grundprinzip wissenschaftlichen  Arbeitens zu werten und rührt an die Glaubwürdigkeit eines Politikers, der in seinem Verantwortungsbereich eine Vorbildfunktion haben sollte. Es geht hier nicht um Flüchtigkeitsfehler oder vernachlässigbare Fälle im Grenzbereich, etwa dass man beim Zitieren stur an der alten Rechtschreibung festhält, wortwörtlich orthografische oder grammatische Fehler übernimmt oder vernachlässigt, zitierte Halbsätze oder Sätze geglättet und ohne Anführungszeichen dem eigenen Satzbau einpasst. Da sollte man m. E. durchaus die alten Zöpfe abschneiden und tradierte Spitzfindigkeiten abschleifen. Bei der Aufarbeitung des vorhandenen Wissens für den Gegenstand der Dissertation und die eigene Problemstellung greift man indes angemessen auf relevante Ergebnisse und Erkenntnisse anderer zurück, was durch die Zitierweise hinreichend offenzulegen ist. Aber man darf nicht wegen eigener Gedankenarmut mit fremdem Gedankengut den Eindruck erwecken, dass es eigene Überlegungen seien. Wer zum Thema selbst keine oder zu wenige Erkenntnisse und Einsichten hat, um eigenständig Folgerungen zu ziehen und Beurteilungen vorzunehmen, der sollte tunlichst auf eine Prestige- oder Renommier-Promotion verzichten.
 
Wahrung wissenschaftlicher Ansprüche

Eine Dissertation hat per definitionem eine wissenschaftliche Arbeit zu sein, die den Anspruch einer eigenständigen, kreativen Leistung erfüllt und zu neuen Erkenntnissen in der betreffenden Wissenschaft beiträgt, jedenfalls unter Berücksichtigung der Grundlagen und Auswertung des vorhandenen Wissensstandes einen erkennbaren Erkenntnisfortschritt aufweist. Das darf weder den Promovenden noch den Doktorvätern oder Betreuerinnen aus dem Blick geraten und sollte in der Plagiatdiskussion und der Öffentlichkeit eine angemessene Rolle spielen. Die entsprechenden Defizite haben maßgeblich auch die Hochschulen bzw. Hochschullehrer/-innen zu vertreten. So ist der Dekan der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Uni Hannover der Auffassung von Althusmann-Verteidiger Prof. Homburg zurecht entgegengetreten, insofern dieser (ökonomische) Forschungsleistungen inhaltlich banalisiert sowie Dissertationen auf 10 % eigenes Gedankengut reduziert und als anspruchsloses „Gesellenstück“ auf der Basis von Lehrbuchwissen abgestempelt hatte (HAZ 176/2011, S. 6). Im Übrigen hat die Leibniz Universität Hannover, die vor einigen Jahren einen Bestechungsskandal bei juristischen Doktorarbeiten durchzustehen hatte, daraufhin ihre Kontrollen bei Promotionsverfahren und den anderen wissenschaftlichen Arbeiten verschärft und eine unabhängige Untersuchungskommission gegründet, die bei Verdacht auf Unredlichkeit und Betrug tätig wird – wie bei Schavan an der Uni Düsseldorf vergleichsweise durch den Fakultätsrat geschehen. Im Fall Guttenberg wurde z. B. nicht geklärt, wieso das Konglomerat mit der Bestnote bewertet werden konnte (Gefälligkeitsurteil?) und laut Berichterstattung noch nicht einmal die dafür vorgeschriebene Begründung der „Spitzenleistung“ vorgelegen hat. Vgl. Deutsche Forsungsgemein-schaft: http://www.dfg.de/foerderung/rechtliche_rahmenbedingungen/gwp

Gewaltige Niveauunterschiede bei Dissertationen

Während beim Abitur einheitliche Prüfungsanforderungen (EPAs) gelten und bundesweit auf ein einheitliches Niveau Wert gelegt wird, gibt es bei den Dissertationen trotz vergleichbarer Promotionsordnungen und einschlägiger Regeln für die wissenschaftliche Arbeit je nach Fachgebiet und Hochschule gewaltige Niveauunterschiede. Beispielsweise ist bei Ärzten immer noch üblich, dass sie „Doktor“ und damit angenommen hochwertiger Fachmann sind (etwa zur Abgrenzung von Heilpraktikern), sodass im Bereich der Medizin und verwandten Gebieten eine ungeheuere Fülle von Dissertationen anfällt, die nicht alle auf anspruchsvollen Forschungsprojekten basieren. Sie haben oft mehr oder weniger banale Fragestellungen und relativ einfache Vorgehensweisen sowie Inhaltsstrukturierungen zum Gegenstand. Um hier die Forschungsbasis zu verbreitern, könnte und sollte sich die Schulmedizin mehr gegenüber der Erforschung von Naturheilmitteln und alternativen Heilverfahren öffnen und die Politiker müssten das unterstützen. Allerdings kommen auf allen Wissenschaftsgebieten sowohl komplexe und schwierige als auch primitive Untersuchungen und Abhandlungen vor. Über ein besonders krasses Beispiel von „soziologischen“ Promotionen unter aller akademischen Würde bei Prof. Bossle (Günstling von Filbinger und Strauß) an der Uni Würzburg in den 1980er und 90er Jahren berichtete DIE ZEIT (45/1988, S. 70; 41/1991, S. 69; 35/1995, S. 46). Danach wurden die sogenannten Doktorarbeiten gleich in Bossles eigenem Creator-Verlag („Würzburger Doktorfabrik“) veröffentlicht; Strauß-Sohn Franz-Georg sollte (hat allerdings nicht) 1985 mit der Titelankündigung „Die Soldatenwallfahrt nach Lourdes“ promovieren. In dem Zusammenhang sei noch auf die 1984 und 1987 im Eichborn Verlag erschienenen Bücher von Achim Schwarze verwiesen, der unter den Titeln „Dünnbrettbohrer in Bonn – Aus den Dissertationen unserer Elite“ und „Noch mehr Dünnbrettbohrer – Eine Materialschlacht der Dummheit – Aus den Dissertationen unserer Elite“ die Doktorarbeiten von Spitzenpolitikern und Persönlichkeiten wie Kohl, Barzel, Geißler, Blüm, Lambsdorff, Süßmuth, Todenhöfer, H.-J. Vogel, Apel, Kardinal Ratzinger u. a. untersucht und sarkastisch bewertet hat. Er berichtete ebenfalls, wie Kohl die Ausleihe seiner Dissertation über die politische Entwicklung in der Pfalz an der Uni Heidelberg 1983 verhindern wollte – wegen der Schlichtheit seiner Gedanken und der sprachlichen Schwülstigkeit?

Blühendes Geschäft mit gekauften Titeln

Es gibt Schlimmeres: das illegale Kaufen von Dissertationen und Doktortiteln (vgl. „Heute Cash, morgen Doktor“ in: DIE ZEIT 27/1992, S. 45). Achim Schwarze erzählt anschaulich, wie er (Schulabschluss: mittlere Reife) in finanzieller Notsituation Schwachköpfen aus besserem Hause beim Promovieren geholfen hat. Noch weitaus aufschlussreicher schildert Horst Biallo in seinem Buch „Die Doktormacher“ (Ueberreuter Verlag Wien 1994 ff.), auf welche Weise man bei sogenannten Promotionsberatern, hemmungslosen Geschäftemachern und Betrügern deutsche und ausländische akademische Titel für viel Geld in kurzer „Promotionszeit“ kaufen kann und führt konkret Namen und Adressen, Preise und Verträge, Behörden und Betrogene, Gesetze und Strafen auf. Vor einiger Zeit erregte im Weserbergland ein Kommunalpolitiker die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit, weil er auf den Wahlplakaten als frisch gebackener Doktor erschien, sich jedoch strafbar machte und abtreten musste. Denn in einem Gerichtsverfahren stellte sich heraus, dass er die Promotionsurkunde (angeblich von der Hamburger Uni, jedoch eine Fälschung) von dubiosen Typen in einer Autobahnraststätte bei Seesen gekauft hatte. Indes ist die Titelsucht nicht auf Politiker beschränkt; das Geschäft mit der Eitelkeit floriert so gut, weil wohlhabende Leute auch ohne die notwendigen Voraussetzungen akademische Weihen auf krummen Touren erreichen wollen. Und das ermöglichen skrupellose Titelhändler, bestechliche Hochschullehrer, einfältige, überforderte, desinteressierte Behördenmitarbeiter.

„Dr. universitates“ – ein authentisches Beispiel

Mein Interesse (für ein eigenes Promotionsvorhaben) erweckte einst ein Oberstudiendirektor mit dem ungewöhnlichen Titel „Dr. univ. (H)“ in einer bildungspolitischen Zeitschrift. Das letzte Universalgenie war schließlich G. W. Leibniz (1646-1716), der noch das gesamte Wissen seiner Zeit beherrscht haben soll und mit seiner berühmten Rechenmaschine (Original in der Landesbibliothek Hannover) gar wegweisend für unser digitales Zeitalter war. Auf meine Wissbegierde hin teilte mir das niedersächsische Wissenschaftsministerium als damals zuständige Nostrifizierungsbehörde für ausländische Hochschulgrade mit, dass es sich um einen „doctor universitatis“ handelt, der an der Budapester Universität für Wirtschaftswissenschaften verliehen wird, daher das (H) für Hungary (= Ungarn). Indes erhielt ich vom Vize-Rektor dieser Hochschule die Auskunft, dass man den universellen Titel dort nicht erwerben könne. Ich dachte an die diesbezüglichen Ermittlungen von Biallo in Osteuropa und „Phantasia“, während der allwissende „ungarische Doktor“ kürzlich ein Buch zum Training deutscher Schulleiter herausgegeben hat.

1000 Politiker-Promotionen auf dem Prüfstand

Mit Genugtuung konnte man eine Internet-Nachricht vom 06.08.2011 aufnehmen: Prof. Uwe Kamenz will mit seinem Institut für Internet-Marketing in Münster die Doktorarbeiten von 1000 deutschen Politikern, allen Toppolitikern, Regierungsmitgliedern, Bundes-, Landes-, Europaparlamentariern analysieren, um Plagiate abzuschaffen, und zwar langfristig mit einer zentralen Prüfstelle (http://nachrichten.t-online.de/professor-prueft-systematisch-doktorarbeiten-von-politikern am 06.08.2011). Das wird diejenigen freuen, die durch Klugheit, Fleiß, Ausdauer und Entbehrungen mit wertvollen Dissertationen dem wissenschaftlichen Fortschritt dienen. Besonders betroffen sind wie eingangs erwähnt die Wissenschaftler in unterbezahlten, prekären Beschäftigungsverhältnissen, arbeitslose oder zu Hilfswissenschaftlern degradierte Privatdozenten, Habilitierte (Durchschnittsalter 38 Jahre) auf für 6 Jahre befristeten Nachwuchsstellen, Hochschulassistenturen und Assistenzprofessuren. (vgl. zu den Arbeitsverhältnissen: http://www.gegenblende.de/++co++8a9d0032-cf60-11e2-918c-52540066f352). An der aussichtslosen Lage dieser qualifizierten Leute in den Sackgassen der Wissenschaft hat sich seit Jahren kaum etwas geändert (vgl. DIE ZEIT 5/1988, S. 41; Swen Heitkamp: "Forschungsklau". In: E&W 05/2013, S. 38, 39) und hauptverantwortlich dafür sind die Politiker, die Bildungsinvestitionen fordern und versprechen, jedoch kaum einlösen. Man kann meinen, sie haben ein gespaltenes oder gar gebrochenes Verhältnis zu den Wissenschaftlern. Hängt das vielleicht auch mit den Politiker-Promotionen zusammen? Mein Vorschlag zur Entspannung: Da Frau Schawan schon nicht mehr Bundesbildungsministerin ist, sollte ihre Nachfolglerin das Vorhaben von Prof. Kamenz fördern.
http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/promotionsbetrug-wie-man-sich-einen-falschen-doktortitel-kauft-a-842596.html (Spiegel online zum Thema)


Der folgende gesundheitspolitische Kommentar müsste auch Gegenstand der Bildungspolitik sein und zur Volksaufklärung in allen Bildungseinrichtungen thematisiert werden.  

Gesetzliches Verbot der Zuckerpanscherei zur Reduzierung des Übergewichts und Eindämmung der Diabetesausbreitung

Als ob wir ein Volk von Unterernährten wären, so werden wir fast flächendeckend, jedoch vielfach unbewusst mit Zucker und Süßungsmitteln gemästet. Das wäre vielleicht etwas für die karge Nachkriegszeit gewesen, wo viele Hunger litten und abgemagert waren. Heute trifft vielmehr das Gegenteil zu und die massenhafte Zuckerabfütterei schädigt die Volksgesundheit und fördert vor allem die rasante Diabetesausbreitung zur Volkskrankheit mit unliebsamen Auswirkungen für den Einzelnen – auch Kinder und Jugendliche sind stark betroffen – sowie einer Kostenlawine für die Allgemeinheit.

Denn eine ungeheuere Vielzahl von Nahrungsmitteln als Fertigprodukte ist geradezu mit Zucker und Zuckerstoffen „verseucht“, wo wir es überhaupt nicht vermuten. Nicht nur in Obstkonserven, sondern in Konserven aller Art befindet sich nämlich Zucker. Eintöpfe, Gemüse, Fisch, Fleisch, Wurst in Dosen und Gläsern, sie sind fast alle gezuckert und nicht zu knapp. Aber auch zahlreiche Backwaren, die wir nicht als süße Nahrungsmittel wahrnehmen wie Toastbrot, Weißbrot, Roggenbrot enthalten oft Zucker – und zwar nicht nur im Supermarkt-Regal, sondern gleichfalls als Frischprodukt vom Bäcker oder Schlachter. Das gilt ebenfalls für etliche Gemüsesäfte und selbst Mineralwasser – o Schreck – kann mit Zucker gepanscht sein.

Wenn man sich als Diabetiker oder aufgeklärter Verbraucher angewöhnt, bei abgepackten Nahrungsmitteln auf die Zutatenliste zu achten oder bei Direktvermarktung nachzufragen, kann man sein blaues und leider kaum ein grünes Wunder erleben. Bei den Fertigprodukten fehlen einem meist die zuckerfreien Alternativen, um sich gesundheitsbewusst zu ernähren. Die idealen Empfehlungen lauten denn auch, sein Essen stets frisch zuzubereiten, möglichst mit Produkten aus biologischem Anbau und von Tieren aus natürlicher Bodenhaltung, zudem aus dem überschaubaren regionalen Umfeld. Das machen durchaus einige Bürger und kaufen ab Hofladen in der Umgebung, jedoch für die überwältigende Mehrheit erweist sich heute im Alltag der Verzicht auf Fertignahrungsmittel aus vielerlei Gründen als utopisch.

Als durchgreifende Lösung bietet sich an, die beliebige Zuckerpanscherei in allen möglichen Produkten, besonders bei denen, wo wir es gar nicht erwarten, gesetzlich zu verbieten bzw. drastisch einzuschränken. Auch Hans Laubers Vorschlag, eine „Süßsteuer“ einzuführen, um die Bombe der Diabetes-Explosion zu entschärfen (Diabetes-Journal 6/2012), weist in die richtige Richtung. Zumindest sollten statt der begünstigten 7 % für zuckerhaltige Produkte 19 % Mehrwertsteuer erhoben werden. Auf Appelle zu setzen und auf eine Selbstverpflichtung der Produzenten und Händler zu hoffen, ist irreal. Denn gerade mit der penetranten Durchsüßung unserer Nahrungsmittel wird unser Geschmacksinn gesteuert und unser Bedürfnis für den indirekten und bewussten Zuckerkonsum hochgehalten. Man kann seinen Gaumen schon umgewöhnen und Geschmack zielgerichtet verändern, wenn man es aus Einsicht oder Notwendigkeit will. So schmecken mir (als langjähriger Typ II-Diabetiker) kaum noch süße Speisen, Schokolade nur noch mit mindestens 85 % Kakaogehalt; die ist gesund und davon isst man dann nur wenig. 
(vgl. http://www.diabetes-journal.de/inhalte-und-service/meinungen/details/article/fehlt-was-ernaehrungsministerium.html; https://www.facebook.com/Aufkl%C3%A4rung-%C3%BCber-sch%C3%A4dlichen-Zuckerkonsum-934108059947662/info?tab=page_info;  

Weitere bildungspolitische Kommentare von Dietrich Pukas unter:

http://blog.vorwaerts.de/users/dietrich-pukas; (Porträt)  http://m.vorwaerts.de/users/dietrich-pukas; http://blog.vorwaerts.de/users/dietrich-pukas/track (Übersicht);                http://m.vorwaerts.de/blogs/das-guttenberg-syndromhttp://blog.vorwaerts.de/blogs/das-guttenberg-syndrom (Guttenberg-Syndrom);                                                                 http://m.vorwaerts.de/blogs/wann-folgt-dem-atomkonsens-die-grossebildungsoffensive (Bildungsoffensive der CDU); http://blog.vorwaerts.de/blogs/wann-folgt-dem-atomkonsens-die-grosse-bildungsoffensivehttp://m.vorwaerts.de/blogs/atomausstieg-ein-dringliches-thema-in-schule-hochschule-weiterbildungseinrichtungen (Atomausstieg); http://blog.vorwaerts.de/blogs/atomausstieg-ein-dringliches-thema-in-schule-hochschule-weiterbildungseinrichtungen;         http://m.vorwaerts.de/blogs/inklusive-bildung-fuer-behinderte-lernbeeintraechtigte-benachteiligte (Inklusion in der Bildung); http://blog.vorwaerts.de/blogs/inklusive-bildung-fuer-behinderte-lernbeeintraechtigte-benachteiligte;                                     http://m.vorwaerts.de/blogs/oberschule-fuer-den-rest-der-buerge (Oberschule in Niedersachsen); http://blog.vorwaerts.de/blogs/oberschule-fuer-den-rest-der-buerger        


http://www.didacta-hannover.de                                                                                       http://www.destatis.de/kontakt (Info-Service des Statistischen Bundesamtes)   http://www.indeenexpo.de                                                                                                       http://un-konventionumsetzen.blogspot.de/2011/04/inklusive-bildung-fur-behinderte.html (Kommentar: Inklusion)