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1. Stempeljagd an der Frisco-Bay - Eine Wandergeschichte aus San Franzisko

Auf meiner IVV-Wanderreise durch den Westen der USA im Jahr 1999 bildete eine Wanderung über die berühmte Golden Gate Bridge den Abschluss. Im Rahmen einer geführten Stadtwan-derung in San Franzisko („Frisco“) wurde über die 2 km lange Brücke hin und zurück gewandert. Die Wanderung 80 m über der Wasseroberfläche mit herrlichen Ausblicken auf die San Franzisco Bay, die Skyline der Stadt und den Pazifischen Ozean war ein fesselndes Erlebnis. Und ich wollte dieses einmalige Ereignis durch einen Erinnerungsstempel in meinem IVV-Wanderheft krönen.

Doch dieses Anliegen erwies sich als kaum erfüllbar.

Wie mir unser Wanderführer erklärte, gab es den begehrten Stempel nämlich nur unten am Fuße der Brücke im Fort Point und die Zeit reichte nicht aus, um der Festung einen gemeinsamen Besuch abzustatten. 

So hätte ich die Brückenwanderung verkürzen müssen, um das Fort aufsuchen zu können. Eine wenig verlockende Alternative für mich. Ich genoss ausgiebig das Brückenspektakel. Doch als ich auf dem Rückweg sehnsüchtig auf die Festung hinab schaute und den felsigen Abhang betrachtete, kam mir die Idee, direkt hinunter zu klettern und den Weg gewaltig abzukürzen.

Gedacht. Getan. Unbemerkt von den anderen schwang ich mich am Brückenkopf über die Absperrung und konzen-trierte mich auf die Klet-terpartie. Ich gewann ziemlich rasch an Tiefe und blickte erst auf, als ich Stimmen unter mir hörte. Erschrocken gewahrte ich eine Gruppe von Menschen und einen uniformierten Ranger, die mir interessiert entgegen blickten. Unwill-kürlich zögerte ich ein wenig. Mir war mulmig zu Mute angesichts der Aussicht, vom Ordnungshüter bei einer verbotenen Tat gestellt zu werden. Immerhin lag gegenüber deutlich sichtbar die berüchtigte Gefängnisinsel Alkatraz. Aber zurück klettern wollte ich auch nicht. So stieg ich mit etwas weichen Knien nach unten.

Die Gruppe, asiatische Touristen, klatschten mir unerwartet Beifall für meine Klettershow. Der Ranger kam mit ausgestrecktem Arm auf mich zu und begrüßte mich mit Handschlag. Da fasste ich mich schnell, zog mein IVV-Heft aus der Tasche, fragte den Ranger nach dem Stempel und sagte, dass ich es leider sehr eilig hätte. Der Ranger führte mich im Eilschritt durch das Fort zur Stempelstelle, versorgte mich noch mit Prospekten in deutscher Sprache und brachte mich schnell zum Ausgang, wo er sich recht freundlich von mir verabschiedete.                                                              Ich lief nun die Serpentine vom Fort Point hoch, um wieder die Wanderroute zu erreichen. Am Abzweig stand unser verdutzter Wanderführer, der sich noch mehr wunderte, als ich ihm die beiden Stempelabdrucke vom Fort Point – Presidio of San Francisco – in meinem Wanderheft präsentierte. Für mich war es der gelungene Coup eines engagierten Stempelsammlers. 


2. Der Besamungsexperte und die Kartenlegerin - Eine Wandergeschichte aus Kanada

Meine IVV-Wanderreise durch den Westen Kanadas im Jahr 2001 führte auch nach Hope im Rainbow Country, am mächtigen Frazer River gelegen, der in Vancouver in den Pazifik mündet. Hier in Hope sollten wir als einen Höhepunkt unserer naturnahen Wanderungen das berühmte Lachswandern zum Laichen in einem Nebenfluss des Frazers unmittelbar erleben. Also wanderten wir voller Erwartungen zu den Stromschnellen des Coquihalla Rivers, um das Treiben der Lachse aus der Nähe zu bestaunen. Bislang kannte ich das Schauspiel nur aus Fernsehbildern, wie nämlich Bären die Lachse bei ihrem Existenzkampf und dramatischen Hindernisrennen über die seichten, felsigen Flussgründe abfangen, mit Prankenhieben erlegen und als Beute aus dem Wasser schleudern. Wie unser „Schlaukopf“ Waldemar zu berichten wusste, bleiben zahlreiche Lachse bei ihrer Wandertortur vom Ozean bis zu den Laichplätzen in den Gebirgsflüssen auf der Strecke – „im Gegensatz zu unserer Wandertour“, fügte er noch scherzhaft an.

Da wir hier am hellen Tag und in Stadtnähe keine Bären antrafen und ich andererseits in meiner Jugend auf dem Schulweg am Laascher See (bei Gorleben) bereits laichende Hechte in den Bächen und Gräben mit der Hand gefangen hatte, stand mein Entschluss, es bei den Lachsen ebenfalls zu versuchen, schnell fest. Und obwohl das Wasser sehr kalt war und die Steine recht glitschig erschienen, zog ich rasch Schuhe und Strümpfe aus, zippte die Wanderhose bis über die Knie frei und stürzte mich in die Fluten. Und wer hätte das gedacht: Waldemar überwand spontan den Klugscheißer und das Weichei, das eigentlich in ihm steckte, und tat es mir nach. Doch vergeblich mühten wir uns ab, einen Lachs zu erhaschen. Wir hatten vielmehr große Not, uns aufrecht zu halten, nicht auf dem unebenen, glibberigen Untergrund auszurutschen und der Länge nach ins Wasser zu schlagen, worauf unsere Mitwanderer sehnsüchtig hofften. Den Gefallen taten wir ihnen nicht, obgleich wir gefährlich schwankend noch eine Weile durch die knöchel- und knietiefen, eisigen Fluten tänzelten. Aber als Beute konnten wir nur jeder einen toten, eher unappetitlichen Lachs aus dem Wasser fischen und ans Ufer bringen.

Als ich nach dem Abtrocknen und Anziehen mit Waldemar hinter den Anderen her trottete, gestand mir dieser, dass ihn statt des Fischfangs vielmehr die „Zielaktion“ der Lachse interessieren würde. Ich schaute ihn wohl allzu verblüfft oder gar begriffsstutzig an, denn er schob nach: „Ja, das Laichen und die Besamung, die Besamungsaktion möchte ich beobachten!“ Immerhin fasste ich mich eilig und versicherte ihm mehr spaßig als ernsthaft, dass wir auf der weiteren Wanderung flussaufwärts in der Tat dieser Angelegenheit unsere ganze Aufmerksamkeit widmen sollten. Wir sahen noch an einigen Stellen die Lachse rötlich und silbrig schimmernd über steinige Hindernisse springen, jedoch von Laich- und Begattungsvorgängen keine Spur, so angestrengt wir auch in den Fluss starrten. Keiner außer Waldemar glaubte an das Gewahrwerden dieses Schauspiels. Schließlich hatten auch seine Hoffnungen allen Grund zu schwinden, denn es kam die Brücke in Sicht, wo unsere Wanderroute vom Coquihalla River abzweigte und davor türmte sich zu allem Betrachtungsübel auch noch ein Steilufer auf. Zur Wahrnehmung der allerletzten Chance stürmte Waldemar mit dem Mut der Verzweiflung auf die Brücke und stierte in den Fluss.

Und das Wunder geschah. 
Plötzlich riss Waldemar die Arme hoch und winkte uns heftig gestikulierend heran. Triumphierend zeigte er auf eine sandige Stelle im Fluss, wo in Ufernähe Lachse zu erkennen waren. Über ihr Treiben geriet Waldemar aus dem Häuschen, nein in Verzückung, nun war er in seinem Element und erwies sich als wahrer Besamungsexperte. Was sicherlich keinem von uns aufgefallen wäre, konnten wir mit seinen Erklärungen tatsächlich in Augenschein nehmen und nachvollziehen. Einen Ehrenplatz während seiner fachmännischen Ausführungen hatte rechts neben ihm seine Frau Marianne, auf der linken Seite von ihm fuhr ich das Teleobjektiv meiner Kamera aus, um seinen begeisterten Erläuterungen besser optisch folgen zu können.  „Jetzt scharrt wieder ein Weibchen mit der Schwanzflosse eine Laichgrube, fährt drüber, legt die Eier hinein ...! Und nun eins, zwei, drei, vier, nein, noch einer - fünf männliche Lachse besamen nacheinander den Laich! Ist das nicht fantastisch, wie verschwenderisch die Natur und ganz ohne Berührung?“ Ich drückte mehrmals auf den Auslöser, Verwacklung inbegriffen angesichts des Enthusiasmus, mit dem Waldemar die berührungslose Begattung lobpries. „Da kommt das nächste Weibchen!“. Wir hätten die Wanderung abbrechen und in ein Besamungs-Seminar umfunktionieren müssen, wenn es nach Waldemar gegangen wäre.

Ging es aber nicht. Wir schlossen eine Stadtwanderung durch Hope an. Und im Übrigen war Waldemar zwar ein Begattungsexperte, ein Kopulationsfachmann für Unterwasservermehrung, allerdings nur für Fische. Indes schossen uns nach dem Ereignis manche Gedanken durch den Kopf, wieweit es wohl Parallelen zwischen dem Liebesleben der Lachse und dem von Waldemar und Marianne geben und dies Grund für die unbändige Begeisterung sein könnte. Denn die beiden zahlten fast dreitausend Mark extra für Einzelzimmer während der Reise. Bei diesem Preis würde jedes schnarchende Ehepaar die Oropax-Lösung vorziehen bzw. in Kauf nehmen. Am Abend in der Hotelbar verabschiedete sich Marianne vorzeitig von uns allen einschließlich Waldemar bis zum nächsten Morgen, weil sie ihrem schönsten Hobby frönen und eine Patience Karten legen wollte. Um den daraufhin trübselig dreinblickenden Waldemar zu trösten, rief ich ihm zu: „Lachs müsste man sein!“ Prompt erwiderte Marianne: „Vorsicht! Lachs ist meine Lieblingsspeise!“ So blieb uns unser Spekulationsthema Nr. 1 auf dieser Wanderreise erhalten und wir durften weiterhin rätseln, was den Besamungsexperten und die Kartenlegerin verband und gleichsam trennte.

3. Einmal Hilton durch den Dienstboteneingang - Eine Wandergeschichte aus Schottland  

Im Jahr 2004 nahm ich an einer IVV-Wanderreise nach Schottland teil, bei der hauptsächlich die Western Highlands, Loch Lomond und Loch Linnhe sowie die Isle of Sky erwandert werden sollten. Die Anreise vom Fährhafen Newcastle in England führte uns zunächst an der Ostküste entlang in Schottlands Hauptstadt Edingburgh und dann weiter zu unserem ersten Hauptquartier nach Dunblane bei Stirling. Nach der stürmischen Überfahrt in engen Fährschiffkabinen sollten wir hier den Ankündigungen des Reiseleiters zufolge in einem Superhotel ganz schnell die letzten Auswirkungen der heimtückischen Seekrankheit vergessen und auf die vor uns liegenden herrlichen Wandererlebnisse eingestimmt werden.

Nachdem wir die mit bunten Blumen geschmückte Ortseinfahrt von Dunblane passiert hatten, sahen wir auf einer Anhöhe in einem prächtigen Park ein altes Schloss liegen und wir staunten mächtig, als unser Bus in die Allee einbog, die daraufzu führte. Oben angekommen, erklärte unser Reiseleiter: „Das ist unser Domizil für die erste Woche – das Hilton Dunblane!“ Während er eilig im Portal verschwand, um die Liste mit den reservierten Zimmern und Schlüssel zu holen, blieben wir erstmal misstrauisch im Bus sitzen, denn Schlosshotels – und das Hilton sowieso nicht – gehörten bislang nicht zu unseren Wanderquartieren. Wir hofften zwar, dass es keine Finte sei, befürchteten aber, dass sich das unerwartete Traumquartier als Irrtum herausstellen könnte, zumal wir nach der offiziellen Reiseplanung als Auftakt in Aberfoyle wohnen sollten. Allerdings befanden wir uns auf einer sogenannten Pioniertour, die zum ersten Mal durchgeführt wurde und daher Überraschungsmöglichkeiten mancherlei Art einschloss. Und das Wunder geschah. Wir bezogen das altehrwürdige, noble Haus, das mit seinen Seitenflügeln Platz für die verschiedensten prunkvollen Räumlichkeiten, Eingangshalle, Wandelgänge, Snackbars, Speise- und Tanzsäle, altertümliche Zimmer mit hohen Stuckdecken, verwinkelte Gänge und Treppen, altmodische Fahrstühle bot. Dazu gehörten Nebengebäude mit Schwimmbad, Saunalandschaft, Fitnessräumen und weiteren angenehmen Einrichtungen zum Wohlfühlen. Hier ließen wir es uns gut gehen, genossen auch die erlesenen Speisen und Getränke, mit denen uns das Hotelpersonal verwöhnte.

So stürzten wir uns hervorragend gelaunt und voller Tatendrang auf die Bergpfade des West Highland Way, die unser Wanderführer ausgesucht hatte. Gleich am ersten Tag erklommen die unermüdlichen Wanderer als Zugabe den 463 m hohen Ben a’An. Das war für zwei Wanderfreunde und mich immer noch nicht genug, sodass wir nach Rückkehr ins Hilton beschlossen, in den verbleibenden Stunden bis zum Abendessen auf einer Zusatzwanderung die nähere Umgebung von Dunblane zu erkunden. Denn es gab örtliche Wanderwege im Tal des Allan Water, durch Wiesen und Felder, auf Berge und in die Wälder. Wir wählten den Rundweg ins Sheriffmuir aus und wanderten den Stonehill empor, durchquerten den Stonehill Wood, gelangten zum Mac Rae Monument und wollten über den Gathering Stone zurückkehren. Zwar hatte ich – als Leithammel für diese Extratour – einen regionalen Wanderplan dabei, aber dieser war nicht mit der Genauigkeit unserer Wanderkarten gezeichnet. Vor allem jedoch entsprachen die Wegweiser nicht unserer gewohnten Wegemarkierung. So deuteten wir einen aufgeschichteten Steinhaufen erst im Nachhinein, nämlich als unser eingeschlagener Pfad plötzlich im Gestrüpp endete, als das wegweisende Zeichen zum Abbiegen. Da der gerade zurückgelegte sumpfige Weg nicht zum Umkehren lockte, entschieden wir uns für einen Querfeldeinmarsch über die angrenzende Wiese. Dazu mussten wir indes eine mit Stacheldraht bewehrte Steinmauer übersteigen. Meine beiden Wanderge-fährten kamen heil hinüber, jedoch mich ereilte ein Missgeschick.

Als ich schwungvoll auf die Mauer sprang, rutschte ich auf den feuchten Steinen aus und statt wie die Anderen im eleganten Bogen auf der weichen Wiese zu landen, geriet ich in den dornigen Stacheldraht und riss mir im unsanften Fallen „ritsch – ratsch“ die Wanderhose am rechten Knie sowie an meinem werten Hinterteil auf. Dort signalisierte mir zu allem Übel ein stechender, brennender Schmerz, dass auch mein Po etwas abbekommen hatte. Nachdem mir meine Freunde auf die Beine geholfen hatten, wurde ausgiebig der Schaden besichtigt und ertastet. Die Verletzung schmerzte zwar und blutete heftig, erwies sich jedoch als „reine Fleischwunde“, die mich nicht ernsthaft am Gegen behinderte. Dafür war die Wanderhose um so mehr zerfetzt und in der Unterhose klaffte ebenfalls ein markanter Riss.

Uns blieb keine Alternative: Wir mussten zum Hotel zurück und hatten wegen des Umwegs auch nicht mehr allzu viel Zeit, um rechtzeitig zum Abendessen zu kommen. Das bedeutete, dass wir nach dem Durchkämpfen eines unwirtlichen Waldstücks mit moorigem Untergrund schnurstracks auf das im Tal liegende Dunblane zu marschieren mussten. Allerdings führte dieser Weg über eine eingezäunte Koppel, auf der bedrohlich gehörnte Hochlandrinder weideten. Meine Freunde meinten, ich solle diesmal als Erster über den Zaun steigen und vorneweg gehen. „Erstens bist du der Wanderführer! Zweitens ist deine Hose sowieso hin! Und drittens hängen die Augen der Büffel von der Mähne zu; die können dein rotes Blut gar nicht sehen!“ Ich erwiderte noch: „Aber vielleicht riechen!“ „Seit wann fressen denn Büffel rohes Fleisch?“ bekam ich zur Antwort. Also schwang ich mich kampfesmutig über das Holzgatter, das den Weidezahn unterbrach. Und wir hatten Glück. Die Rinder hoben zwar die Köpfe und blinzelten in unsere Richtung, sahen in uns jedoch keine Feinde oder Rivalen, sondern ließen uns in Frieden und ungeschoren die Weide durchlaufen. Ich wagte sogar, noch nebenstehendes Foto zu schießen.

In Dykedale erreichten wir den Stadtrand von Dunblane und nun wurde mir erst meine unangenehme Spießrutenlauf-Lage bewusst. Ich musste mit der zerrissenen und blutverschmierten Hose durch Dunblane wandern und ins Hotel gelangen, ohne ein öffentliches Ärgernis zu erregen. Meine beiden Wanderfreunde wussten Rat. Wir stellten uns dicht hintereinander – ich in der Mitte – in einer Reihe auf und marschierten auf Kommando im Gleichschritt los. „Bis zum Hotel haben wir soviel Übung, dass der Einmarsch perfekt klappt!“ sagte mein Vordermann. Doch es ging nicht lange gut. Wir erweckten durch unser gleichschrittiges Schreiten allzu schnell Aufsehen bei den Passanten und lenkten die Aufmerksamkeit geradezu auf die herabhängenden Hosenfetzen und mein entblößtes Hinterteil, das mein Hintermann nur unvollständig verdeckte. Also gingen wir rasch normal weiter, wobei ich mit meinem lädierten Hintern tatsächlich weniger auffiel. Mit schwindender Entfernung zum vornehmen Schlosshotel nahm freilich mein Unbehagen zu, denn dort stand mir der schwierigste und unangenehmste Part bevor. Wir sannen beim Gehen auf Abhilfe und der eine Wanderfreund sagte: „Es kommt nur der Dienstboteneingang in Frage! In weiser Vorausahnung habe ich gestern Abend das Hotel schon mal durch den Hinterausgang verlassen. Es ist zwar etwas vertrackt, aber wir werden schon fündig werden, wenn wir erstmal einen Bogen zur Rückseite schlagen.“

Wir fanden den Liefereingang im Hinterhof und ich schlüpfte zwischen meinen beiden Wanderfreunden unauffällig ins Haus. Die zwei nahmen den Fahrstuhl und ich wollte unbemerkt über Hintertreppen mein Zimmer im dritten Stockwerk erreichen. Aber ich fand einfach nicht sogleich den Übergang in den richtigen Seitenflügel des Gebäudes und irrte allein durch die Hotelgänge, sodass ich entgegen meiner Absicht und meinen innigsten Wünschen doch noch etlichen der erlauchten Hotelgäste jenen Anblick bot, den ich so sehnlichst durch das Hintereingang-Manöver hatte vermeiden wollen. „Oh God, a tramp is in this hotel!” “Heiliger Strohsack! Ein Land-streicher in diesem Hotel!“ So oder ähnlich tönte es hinter mir her. Ich hätte vor Scham im Boden versinken können. Das geschah zwar nicht, jedoch kam ich endlich zu meinem Zimmer und begoss das Malheur erstmal mit mehreren Gläsern Whisky, sodass mir bald wohliger zumute war. Und am Schluss der Reise war alles verschmerzt, sogar die zerrissene Camel-Wanderhose, die keine Versicherung der Welt ersetzen würde und womit mich meine Weggefährten zu trösten versucht hatten. Allerdings verzichtete ich am Ende auf den Gag, mit meinem „fetzigen Hinterteil“ für Erinnerungsfotos zu posieren. 

4. Beim Wandern auf den Hund gekommen  - Wandergeschichten mit Vierbeinern

Auf unseren Wanderungen beim Internationalen Volkssport-Verband (IVV) hatten wir schon öfter mit Hunden zu tun und verbinden mit diesen Vierbeinern einige Wandererlebnisse.

4.1 Der schwarze Panther von Thalau/Rhön (1989)

Mein erster Hund, an den ich mich in diesem Zusammenhang erinnere, war der Schönste und die Geschichte die Kürzeste von allen. Und zwar erwanderte ich im Herbst 1989 den 160 km langen IVV-Rund-Weitwanderweg (RWW) von Thalau in der Rhön, der sich in 10 Schleifenwege zwischen 7 und 25 km rund um den Ort auffächert. Die Wanderfreunde aus Freiburg, Bayern und Hessen, mit denen ich die meiste Zeit gewandert war, waren bereits abgereist, sodass ich den letzten Weg durch das Döllau- und Zillbachtal über den Almusküppel, Lohberg und Steinbügel allein absolvierte. Ich war schon auf dem Rückweg von den 400 bis 500 m hohen Rhönbergen, als ich am Waldesrand hinter Döllbach an einem pompösen Grundstück vorbei kam und plötzlich etwas wildes Schwarzes, das ich vor Schreck nicht sofort erkannte, auf mich zusprang. Im ersten Augenblick glaubte ich, mich rammt gleich ein schwarzer Panther. Doch geschickt wich mir das stürmende Wesen aus und ich gewahrte einen jungen großen, schlanken schwarzen Hund unbekannter Rasse, der mich nun freudig umtänzelte. Mal zog er größere, mal kleinere Kreise um mich, während ich mich von meiner Überraschung erholte und weiter wanderte. So entfernten wir uns flott von dem prachtvollen Gehöft mit dem parkähnlichen Garten und tauchten in den Laubwald ein. Unermüdlich umsprang mich der quirlige Hund und drängte vorwärts. Ich konnte mich an den eleganten Bewegungen und dem anmutigen Wesen kaum satt sehen und hätte zu gern gewusst, was für ein Hund das ist. Für mich war und bleibt es der schwarze Panter und sollte ich jemals Verlangen nach einem Hund bekommen, dann müsste es ein solcher sein. Im Stillen dachte, hoffte ich schon, dass er mit mir käme, denn seine Heimstatt war nicht mehr zu sehen. Und in meiner Ferienwohnung hätte ich ihn bis zum nächsten Morgen an meinem Abreisetag gut unterbringen können. Doch ich brauchte nicht weiter zu planen. An der nächsten Kreuzung blieb er stehen, ließ sich tätscheln, aber nicht mehr in Richtung Thalau fortbewegen. Offensichtlich hatte er seine Reviergrenze erreicht, die er nicht überschritt. Ein Hund mit Charakter und Prinzipien. Unglaublich. All mein Rufen und Locken waren vergeblich. Er hockte auf dem Fleck, bis ich ihn aus den Augen verlor und aus meiner Welt – in meiner Erinnerung indes ist er geblieben und wenn ich über die Rhönautobahn fahre, denke ich meist daran.

4.2 Meuchelgaudi im Ibbenbürener Land (1992)

Die zweite Geschichte ereignete sich im Winter 1991/92 auf dem IVV-RWW, der in einem großen Kreis von 140 km Länge um die nordrhein-westfälische Stadt Ibbenbüren führt. Es handelt sich um eine liebliche Hügellandschaft im Nordwesten des Landes, wo sich der Teutoburger Wald mit den Dörenther Klippen als Balkon des Münsterlandes am „Nassen Dreieck – der Abzweigung des Mittellandkanals vom Dortmund-Ems-Kanal – aus der emslän-dischen Tiefebene erhebt und dem malerischen ehemaligen Residenzstädtchen Tecklenburg zustrebt. In dieser ländlichen Gegend begegnete uns im Streudorf Bockraden, das aus weit auseinander liegenden Bauerngehöften besteht, der Hund, der bei mir die spektakulärsten Erinnerungen hinterlassen hat.

Es war ein junger, springlebendiger brauner Jagdhund, der vom Lückehof seinem Herrn einfach weglief, als er uns vorbei wandern sah, und sich zu uns gesellte, obwohl der Bauer und Jäger nach ihm rief und pfiff. Meiner Begleiterin war er gar nicht willkommen, zumal es nass und dreckig war und der Hund mit seinen wilden Sprüngen um uns herum spritzte. Aber ich ermunterte ihn gerne, mit uns davon zulaufen. Im Stillen fragte ich mich, wieweit er wohl mitkommen würde, denn ich musste unwillkürlich an den schwarzen Panter von Thalau denken.

Doch dieser Hund dachte nicht ans Umkehren. Wir waren schon 2 km zusammen gelaufen, als der nächste Bauernhof vor uns auftauchte. Vor der Scheune befand sich eine Wiese, auf der eine weiße Hühnerschar mit Hahn ahnungslos im Gras pickte. Wir waren ebenfalls ahnungslos, als unser vierbeiniger Begleiter uns zeigte, was ein echter Jagdhund ist. Auf leisen Sohlen, fast wie im Fluge sprintete der Hund mit gestreckten Gliedern über die Koppel auf die Hühner zu. Diese stoben aufgescheucht auseinander, flogen kurz auf, der Hund sprang hoch, schnappte eins, biss die Gurgel durch und kam triumphierend mit der Beute im Maul zu uns gelaufen. Meine Gefährtin fing an zu jammern: „Das arme Huhn! Dieses mörderische Vieh!“ Ich gebe zu, der detaillierte Anblick mit der bloß gelegten Speiseröhre am Hühnerhals war weniger appetitlich, jedoch gefiel mir irgendwie, dass der Hund nun mit seiner Beute neben uns herlief. Und – zum Entsetzen meiner Gefährtin – tat ich, was er erwartete. Ich lobte ihn: „Brav, braver Hund! Gut so!“ Denn insgesamt bot mir der braune Hund mit dem schneeweißen Huhn in der Schnauze ein anregendes Bild und ich hatte eine Idee: „So marschieren wir jetzt zusammen nach Mettingen, direkt zum Romantik-Hotel Telsemeyer in die Küche und lassen uns das Huhn zubereiten!“ „Du spinnst! Unmöglich! Nicht mit mir!“ tönte meine holde Begleiterin.

Für mich war es jedoch beschlossene Sache und aufmunternd wandte ich mich dem Hund zu und redete sanft auf ihn ein: „Weiter so! Komm mit! Wir gehen zum Küchenchef, damit’s ein Festessen wird!“ Das war zu viel für meine reizende Begleiterin und während ich meine Aufmerksamkeit dem Hund widmete, schrie sie, als wir am Bauernhaus angekommen waren, urplötzlich nach dem Bauern an der Haustür. Dieser kam vom Hof zu uns auf die Straße gelaufen und ehe wir uns versahen – meine Gefährtin, der Hund und ich – hatte ihn der Bauer am Halsband gepackt und führte ihn mitsamt dem gemeuchelten Huhn ab. Auf unsere verdutzten Gesichter hin erwiderte er noch: „Das ist nicht das erste Mal. Ich weiß, wo er hingehört!“ Mir verschlug es die Sprache und mir fehlten die Argumente für mein Vorhaben. Meine holde Begleiterin sprach dem Bauern  hingegen Lob und Dank aus. Sie mit Genugtuung im Herzen, ich unter anfänglichen Flüchen, dann mit hartnäckigem Schweigen – so wanderten wir die 7 km zum Romantik-Hotel, Restaurant und Cafe Telsemeyer mitten im schönen Töddenort Mettingen, unserem Etappenziel. Bei Roastbeef, Kaffee und Kuchen in Telsemeyers üppig bepflanztem Wintergarten war ich dann etwas versöhnlicher gestimmt, meinte aber wehmütig: „Das Huhn wäre mir jetzt lieber!“

4.3 Der geschasste Wegbegleiter auf dem Rundwanderweg Walsrode (1995)

Die nächste Hundegeschichte fand statt im Winter 1994/95 auf dem 162 km langen IVV-RWW „Hermann Löns“ rings um Walsrode in der Lüneburger Heide, den die „Wanderfreunde am Vogelpark“ in 9 Schleifenwegen angelegt haben. Auf der damaligen 25 km-Etappe nach Kirchboitzen passierte es. Mitten im Dorf Altenboitzen entdeckte uns ein Schäferhund und übernahm unsere Führung, indem er etwa 50 m vor uns herlief. An Wegverzweigungen blieb er kurz stehen, sah sich um, ob wir noch folgten, und schlug dann die Route des IVV-Weges ein, sich wiederum vergewissernd, dass wir nachkamen. So wanderten wir über Klein Eilstorf einen großen Bogen nach Kirchboitzen, wo wir zur Mittagsrast im Boitzer Landgasthof „Zum Bärtigen“ einkehren wollten, und zwar ohne Hund. Infolge seines Vorlaufs hatte er den Gasthof bereits passiert, als wir dort an der Tür anlangten und uns blitzschnell nach innen verdrückten. Wir gingen in die Gaststube und bestellten unsere Getränke und unser Essen. Während wir darauf warteten, sagte meine Gefährtin:  „Den Hund sind wir jedenfalls erfolgreich losgeworden.“ Ich erwiderte: „Ich hätte nichts dagegen, wenn er auf uns warten und nachher weiter begleiten würde.“ Da kam der bärtige Wirt an unseren Tisch und fragte: „Haben Sie einen Hund mit?“ „Wieso?“ wollten wir wissen.  „Seit Sie hier sind, kratzt und bellt ein Schäferhund an unserer Küchentür und sucht Einlass.“ Da klärte ihn meine holde Begleiterin flugs darüber auf,  wie wir an den Hund geraten waren, und bat ihn sogleich, uns doch den Hund vom Hals zu schaffen. Wir machten uns über das Mittagessen her und der Wirt führte währenddessen mehrere Telefongespräche. Schließlich teilte er uns mit, dass er die Besitzer ausfindig gemacht hat und diese den Hund gleich abholen kommen. Als wir nach beendeter Mahlzeit aus dem Gasthaus traten, fuhr gerade der Wagen mit den Hundebesitzern vor. Der bärtige Wirt kam mit dem Hund um die Hausecke und verfrachtete ihn in den Kombi. Jedoch als der Hund uns gewahrte, fing er laut zu bellen an und wedelte heftig mit dem Schwanz. Es war klar: Der Hund wollte lieber weiter unser Wanderführer sein, als in sein angestammtes Revier zurückkehren. Aber weder er noch ich hatten die Wahl.

4.4 Die „tierischen“ Wanderführer in Irland (2000)

Im Sommer 2000 unternahmen wir eine organisierte IVV-Wanderreise durch Irland, auf der wir die schönsten Gegenden der grünen Insel kennen lernen sollten. Schon beim ersten Trip, der Stadtwanderung durch Dublin, entpuppte sich der Reiseleiter als leidenschaftlicher Kettenraucher und Guinness-Trinker und uns schwante, dass er kein großartiger Wanderfreund und erpichter Wanderführer sei. Diese Ahnung trog nicht: Nur noch eine Wanderung machte er vollständig mit und gerade bei ihr wurden wir von unten bis oben durchnässt, weil wir unterwegs bis über die Knie im Moor einsanken und es vom Himmel schüttete. Indes waren wir 18 Teilnehmer uns einig, dass wir alle für die Reise ausgeschriebenen Wanderungen durchführen wollten. Unter den gegebenen Umständen vollzogen sich diese nach folgendem Ritus: Der Reiseleiter verabschiedete sich von uns am Bus oder am Ortsausgang und erwartete uns zu einer bestimmten Zeit am Zielort. Als Wanderführer fungierten zwei Teilnehmer, die die Reise in ähnlicher Form schon mal vor 2 Jahren erlebt hatten, deren Gedächtnis allerdings etliche Erinnerungslücken aufwies, wie wir auf fast jeder Tour feststellen mussten. Wanderkarten zur Orientierung wie bei uns üblich gab es nicht. Immerhin frönten wir allesamt mächtig unserer Wanderleidenschaft und nur, wenn die zeitlichen Vorgaben damit übereinstimmten, hielten wir uns daran. So arbeiteten wir einigermaßen zufrieden stellend unser Wanderprogramm ab, wanderten an der Ost- und Westküste, erlebten Glendalough, Kildare, Drogheda, Charlestown, Westport, the Clew Bay, Connemara, Galway, the Burren, Cliffs of Moher, Limerick, Tralee, die Halbinsel Dingle, den Ring of Kerry, Killarney u. a. –  herrliche Landschaften und pittoreske Städte.

Darunter waren zwei Wanderungen etwas Besonderes, weil wir dafür heimische Wanderführer hatten: nämlich Hunde. Das eine war die Wanderung über Inishmore, die Größte der Aran Islands. Nachdem wir vom Festland mit dem Fährschiff übergesetzt hatten, wanderten wir von der Pier in Kilroman los, um die Insel in Längsrichtung hin und zurück zu überqueren. Auf der Ausfallstraße von Kilroman wartete der buntgescheckte vierbeinige Wanderführer auf uns. Zwar kenne ich mich mit Hunderassen nicht gut aus, ich glaube, es war eine so genannte Promenadenmischung, aber das tat seinen Führungsqualitäten keinen Abbruch. Er lief einige Schritte vor uns her und leitete uns zielsicher – bei unseren Besichtigungs-, Rast- und Pinkelpausen geduldig wartend – auf dem nördlichen Ring of Aran bis zum Dörfchen Sruftaun. Dort verschwand er kurz auf einem Bauernhof und kam gleich darauf mit einem ähnlich aussehenden Hund zurück. Nun nach fast 2/3 des Hinweges übernahm dieser unsere Führung und unser bisheriger Begleiter machte sich auf den Rückweg. Wir waren verblüfft, folgten jedoch dem neuen Hund. Offensichtlich wusste er, dass wir ans Inselende marschieren wollten. Als wir in Bungowla den letzten Bergrücken nahmen und immerhin schon unser Ziel, den Leuchtturm, sehen konnten, stellten wir fest, dass es bis dorthin noch zu weit war und wir jetzt umkehren mussten, um rechtzeitig  die Fähre zu erreichen. Offensichtlich stimmten die veranschlagten 24 km für die Tour nicht und den Fährtermin mussten wir leider einhalten. Unserem Wanderführer gefiel die Kehrtwende vor dem Ziel allerdings gar nicht. Zwar wartete er noch unsere Rastpause ab, aber als wir in die Rückrichtung aufbrachen, ließ er uns im Stich und kam nicht mehr mit. So mussten wir ohne ihn vorlieb nehmen, gelangten jedoch anhand der Inselkarte auf einem alternativen Weg wohlbehalten zurück zum Fährhafen.

Die andere Wanderung mit Hundeführer fand im Killarney National Park statt. Eigentlich wollten wir am Vormittag auf Valentia Island wandern, jedoch wegen heftigen Regens stimmten wir dem Vorschlag unseres Reiseleiters zu, stattdessen am Nachmittag bei besserem Wetter eine ausgiebige Wanderung am Muckross Lake zu unternehmen. Wir wurden auf einem Waldparkplatz abgesetzt und bräuchten nur dem „todsicheren“ Wanderpfad bis zum Muckross House folgen. Als wir aus dem Bus stiegen, kam ein Schäferhund – jedenfalls sah er nach einem solchen aus – über den Parkplatz zu uns gelaufen. Ich sagte zu den anderen: „Da ist unser Wanderführer. Jetzt kann nichts mehr schiefgehen!“ Mit dem Hund an der Seite bogen wir in den Wanderpfad ein. Die nächste Wegegabelung ließ nicht lange auf sich warten. Der Hund blieb mit uns stehen, als beratschlagt wurde, wo es lang geht. Das war beim besten Willen nicht ersichtlich. Ich schlug vor: „Fragen wir den Hund!“ und sagte herunter gebeugt zu ihm: „Wo müssen wir lang? Zeig uns den Weg!“ Und der Hund zweigte nach links ab, wir folgten ihm. Das wiederholte sich noch einpaarmal und ich erwähnte nicht, dass mir durchaus etwas mulmig zu Mute war, sondern trug forsche Zuversicht zur Schau. Und mir fiel heimlich ein Stein vom Herzen, als nach 3 Stunden tatsächlich das schlossartige Muckross House in Sicht kam, während sich unser Schäferhund zwei Joggern für den Rückweg anschloss. Bei dem anschließenden Gelage im Muckross-Gasthaus meinten einige Wanderfreunde: „Hätten wir den Hund doch bloß bei unserer Superwanderung dabei gehabt, dann wären wir vielleicht nicht in die Irre gelaufen!“ Als Höhepunkt-Wanderung der Reise sollten wir nämlich 35 km von der Newport Bay auf dem Pilgerweg über den Croagh Patrick-Sattel zur Ballintubber Abbey marschieren. Wir waren zwar an der Marmor-Statue des „Heiligen Patricks“, Schutzpatron des Pilgerweges, gestartet, hatten das Kloster allerdings nie erreicht, sondern uns nach stundenlangen Irrungen und Wirrungen zu unserem Atlantic Coast Hotel in Westport durchgeschlagen.

4.5 Harras aus Morter in Südtirol (2002)

In Südtirol gibt es zwei anspruchsvolle, jedoch wunderschöne IVV-RWWs, und zwar auf dem Ritten oberhalb von Bozen sowie in Morter im Etschtal, die wir im Sommer 2002 erwanderten. Der Vinschgauer Rundwanderweg in Morter, insgesamt 120 km lang, besteht aus 6 Teilwanderwegen und verläuft auf die Höhen beiderseits des Etschtales. Als wir ihn nun nach 9 Jahren wiederholten, hatte er nichts von seinem südländischen Charme eingebüßt und bot sich in gekannter Pracht dar. Das besondere Erlebnis verschaffte uns ein Schäferhund, der uns auf dem 17 km langen Weg nach Göflan bei Schlanders und zurück begleitete. Und zwar wartete Harras – den Namen verwende ich im Vorgriff auf die Aufklärung – mit zwei anderen Hunden an der Wegespinne in Morter, wo sich die meisten Wanderwege in alle Himmelsrichtungen verzweigen. Wir schlugen unseren Weg zum Scheibenkofel ein und Harras kam freudig zu uns gelaufen und ging vor uns her. Langsam stiegen wir über Morter die Kehren am steilen Nördersberghang empor und genossen immer wieder die herrlichen Ausblicke ins Martelltal und über das Etschtal hinweg nach Latsch und Kastelbell. Silbrig schimmerten die unzähligen Bewässerungsfontänen über den Apfelplantagen im Sonnenlicht und legten einen feinen Schleier über das Grün. Wir kamen an den Zaun und das Gatter, die den Rastplatz am Wetterkreuz säumen. Meine traute Gefährtin meinte: „Hier könnten wir den Hund doch aussperren, um Schwierigkeiten beim Einkehren usw. vorzubeugen!“ Aber Harras enthob uns allen weiteren Überlegungen in diese Richtung. Eilig verschwand er und tauchte gleich darauf auf der anderen Seite des Tores auf, noch bevor wir es passiert hatten.

Abwechselnd auf breiten Forstwegen und schmalen Trampelpfaden wanderten wir bergauf, während Harras unseren Weg kreuzend wild und übermütig die Hänge links und rechts hinauf und hinunter tobte. Als wir rasteten, sank er etwas abgekämpft ins Gras neben uns. Er wollte weder etwas fressen noch trinken, auch nicht später, als ich mit ihm extra zu einer Weidetränke lief. Inzwischen hatten wir die Gemarkung von Göflan erreicht und hier gab es wiederum Zäune und Gatter – und zwar ohne Schlupflöcher –, sodass wir den Hund hätten loswerden können. Aber schließlich sind wir keine Sadisten und es stand fest, dass Harras nun bis zum Schluss mitkommen sollte, komme, was da wolle. Weil die Dorfgaststätte geschlossen war, erübrigten sich Einkehr-Komplikationen und wir wanderten zügig an der Etsch entlang und durch Apfelplantagen nach Morter zurück. Wir gelangten ins Unterdorf, wo alsbald ein Springbrunnen in Sichtweite kam. Als ihn Harras erspähte, stürmte er zu ihm hin, trank aus dem Quell und nahm prustend ein Bad. Kein Zweifel: Hier war seine Heimat, hier kannte er sich aus. Indes schloss er sich uns wieder an und begleitete uns zum Hotel Montani. Dort lief er die Treppe hoch und legte sich neben die Eingangstür. Ich stellte fest: „Hier hat er wohl Hausverbot. Er wartet jetzt, bis wir wieder heraus kommen. Schließlich weiß er nicht, dass wir hier wohnen.“ Meine Gefährtin holte die Hotelchefin zur Abhilfe und diese eröffnete uns: „Das ist der Harras von der Hanny! Ich sag ihr gleich bescheid!“ Wir fragten: „Von der Hanny in der fröhlichen Dorfkneipe?“ „Ja freilich!“ „Da waren wir gestern Abend. Und da hat uns wahrscheinlich der Hund für die heutige Tour ausgeguckt! Bei der Musik und Unterhaltung mit Wanderfreunden und Gästen haben wir auf ihn gar nicht geachtet.“ Hanny fand das allerdings nicht so lustig und stellte Harras für den Rest des Tages unter Hausarrest. 

4.6 Der arme Lazarus von Müden/Aller (2004)

Es war im Winter 2003/04, als ich mal wieder den 160 km umfassenden IVV-RWW „Aller-Oker-Aue“ in Müden, am Rande der Südheide zwischen Celle und Gifhorn gelegen, unter die Schuhsohlen nahm. Als letzte Tour absolvierte ich den 18 km langen Schleifenweg über Hahnenhorn zum Herzogbrunnen im Staatsforst Fallersleben. Der Januartag war frostig und auf den Feldern lag leichter Schnee, ab und zu schien die Sonne. In guter Stimmung schritt ich aus, durchquerte die Hälfte von Müden mit seiner einzigartigen Fachwerkkirche, erreichte die Feldmark, lief über baumbestandene Wege und Birkenalleen durch die Siedlung Hahnenhorn auf das große Waldstück Ringelah zu – vor mir den Wald überragend der Fernsehturm von Ummern. Am Waldrand des Naturschutz-Gebietes mit naturbelassenen Eichen ent-lang, dann wieder in die offene Feldmark hinaus und Schwenk auf den ausgedehnten Kiefernwald. Auf dem Hauptfeldweg sah ich auf einmal einen Rauhaardackel sitzen.

Das war bis dahin die Art Hund, die ich gar nicht mochte, was seinen triftigen Grund hatte. Als Wanderer und Jogger stellt man ein bevorzugtes Beißobjekt für Hunde dar – wofür übrigens früher der IVV-RWW von Rothenburg bei Luzern berühmt war – und mich wollten im Laufe der Zeit schon etliche Bösewichte packen, aber alle, Zähne fletschend und gar im kühnen Sprung auf mich zusausend, konnte ich bislang durch gebietende, herrische Gesten und energische, laute Rufe abwehren, zumal ich ohne jegliche Hundeangst auf dem Lande aufgewachsen bin. Nur ein hinterlistiger kleiner Rauhaardackel hatte es fertig bebracht, mich in die Wade zu zwicken; er kam freilich nicht dazu, seine Beißer tief in mein Fleisch zu schlagen, so schnell hatte ich ihn mit einem heftigen Tritt beiseite geschleudert. Meine Abneigung und mein Vorurteil gegen diese Hunderasse waren jedenfalls besiegelt.

Dieser auf dem Weg hockende Dackel schien mir zwar aggressionsfrei, aber ich war auf der Hut, als ich an ihm vorbei ging. Er sagte keinen Mucks, rührte sich nicht vom Fleck und ich dachte, dass sein Frauchen oder Herrchen irgendwo in der Nähe seien. Bevor ich den großen Forst Fallersleben betrat, sah ich mich noch mal um und entdeckte, dass der Dackel mir in gebührendem Abstand folgte. Den Kiefernwaldboden auf sacht ansteigendem Gelände bedeckte zu meinem Erstaunen eine verharschte geschlossene Schneedecke, die sich ebenfalls über den gesamten Weg zog. Mit knirschenden Schritten stapfte ich weiter, der Hund lief noch auf meiner Fährte und kam näher heran. Er bog gleichfalls vom Hauptweg ab und ich gelangte zu der Einsicht, dass er sich nun an mich hielt, weil er allein war. Ich vollzog den Abstecher zum Herzogbrunnen und kam auf demselben Weg zurück. Da stand der Dackel unmittelbar vor mir und schaute mich aus traurigen Augen an. Ich streifte schlagartig alle Vorbehalte ab und beugte mich zu ihm hinunter. An seinem Schwanz war ein Klebeband befestigt, auf dem ein Name und eine Telefon-Nr. standen. Ich streichelte ihn und sprach beruhigend auf ihn ein: „Komm mit mir mit ins nächste Dorf, nach Hahnenhorn. Dann werden wir weitersehn.“ Er folgte mir jetzt auf den Fersen. Bald darauf hing meine IVV-Kontroll-Nr. am Baum, die ich in den Wanderführer eintragen musste. Während des Stopps setzte sich der Hund in den Schnee. Als ich weiterging, blieb er noch sitzen. Ich dachte, er wird gleich nachkommen. Jedoch er kam nicht. Ich rief nach ihm. Nichts. Kurz entschlossen rannte ich zurück. Er hatte sich hingelegt, lag da und leckte seine Pfoten. Ich bückte mich und sagte zu dem „Häufchen Elend“: „Komm! Komm weiter!“ Er machte zwei Schritte im verharschten Schnee und ich begriff, dass seine Pfoten schmerzten. Mir war klar, dass ich ihn da nicht liegen lassen konnte.

Also klemmte ich ihn mir unter den rechten Arm, um mich nicht zu sehr zu verschmutzen, denn er war etwas nass und ziemlich verdreckt, und trabte los. Ich staunte nicht schlecht, wie schwer sich das Tier auf Dauer erwies. Dabei hatte ich früher im Mietshaus öfter den Dackel unserer Nachbarn gehütet und die Treppen hinuntergetragen – kein Rauhaardackel, sondern ein liebes Tier namens Rocky mit rotbraunem, glattem, glänzendem Fell. Nach einem halben Kilometer musste ich ihn auf beide Arme verlagern, weil ich ihn sonst nicht mehr halten konnte. Bald taten mir beide Arme weh, doch ich schleppte ihn so ungefähr 2 Kilometer, dann kam ein schnee- und eisfreier Fahrweg. Ich setzte ihn ab und er ging langsam hinter mir her. Probeweise beschleunigte ich meinen Schritt etwas, da ich vor Einbruch der Dunkelheit in Müden an der Aller sein wollte, aber der Abstand wurde größer. Mir fiel ein, dass ich ein Käsebrot und einen Apfel als Proviant mithatte. Ich lockte ihn mit Käsebrot-Häppchen, die er vor Hunger gierig verschlang, weiter und begnügte mich mit dem Apfel. Ein Jogger kam uns entgegen gelaufen. Ich hielt ihn an und fragte, ob er ein Handy dabei hätte. Wir lasen die Telefon-Nr. vom Hundeschwanz ab und gaben sie ein. Leider fehlten die letzten Ziffern und gleichfalls Buchstaben vom Namen. Der Jogger versprach, nach Rückkehr ins Dorf weitere Nachforschungen anzustellen, während ich mit dem Hund langsam weitergehen wollte. Es kam noch ein Bauer mit einem Trecker daher getuckert. Äußerst widerwillig stoppte er auf mein Rufen und war nicht bereit, den Hund oder uns beide mitzunehmen. So krochen wir langsam weiter, inzwischen rief ich ihn „Rocky“ als Zeichen der schicksalhaften Verbrüderung. Endlich kamen wir in die Nähe des ersten Bauernhofes am Dorfanfang. Ich ging schneller voraus und traf im Hof auf eine kleine Jagdgesellschaft. Ich fragte die Grünröcke, ob ihre Jagdleidenschaft auch Tierliebe einschlösse, was sie nicht nur bejahten, sondern tatkräftig belegten. Einer eilte „Rocky“ entgegen und trug ihn heran, ein anderer kümmerte sich um Wasser und Futter, ein Weiterer rief den zuständigen Revierförster an. Dieser konnte den unvollständigen Namen richtig deuten und wusste, auf welchen auswärtigen Bauernhof der Hund hingehörte, sodass „Rockys“ baldige Heimkehr nur noch eine kurze Zeitfrage war. Im Dorf trieb mich dann noch der Jogger mit Auto auf und fragte nach dem Hund, er hatte sich mit einem Tierheim in Verbindung gesetzt und hätte ihn dort hingebracht. So löste sich diese eher traurige Hundegeschichte am Ende in lauter Tier- und Nächstenliebe auf und fortan hege ich gegen Rauhaardackel keinerlei Groll mehr.